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Dieter Sattler

Gedanken

Kommentar zur Zukunft der Arbeit: Grundeinkommen oder Rente mit 70

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In diesen stillen Tagen hat mancher Gestresste endlich mal wieder Zeit, sich um die Familie zu kümmern – und vielleicht auch ein wenig an die Zukunft der Arbeit zu denken. Ein Kommentar von Politikchef Dieter Sattler. 

In diesen stillen Tagen hat mancher Gestresste endlich mal wieder Zeit, sich um die Familie zu kümmern – und vielleicht auch ein wenig an die Zukunft der Arbeit zu denken. Da kann einem der von Grünen-Chef Robert Habeck forcierte Gedanke an ein bedingungsloses Grundeinkommen als durchaus verführerisch erscheinen. Nach dem Motto: Ich kann, aber muss nicht arbeiten. Jüngere Leute sind meist auch noch von der flankierenden Idee angetan, Hartz IV mitsamt der Sanktionen für Arbeitsunwillige abzuschaffen – Überlegungen die auch von SPD-Chefin Andrea Nahles geteilt werden.

Habeck beziffert die Jahreskosten für seinen Vorschlag mit rund 30 Milliarden Euro. Auch er geht also offenbar davon aus, dass die gesellschaftliche Produktivität bei bedingungslosem Grundeinkommen sinken würde. Kreative könnten sich in der Tat fragen, warum sie ein ganzes Erwerbsleben lang nur einem ihrer vielen Talente nachgehen sollten. Oder Menschen mit Knochenjobs könnten zweifeln, ob es sinnvoll ist, sich mit einer harten Arbeit zu quälen, die am Ende kaum mehr bringt als das Grundeinkommen. Dieses würde ganz sicher von vielen genutzt, um für sich das Reich der Freiheit zu verwirklichen, das Karl Marx einst etwa so definierte: wenn ich morgens jagen, mittags fischen und abends ein Buch lesen kann.

Dieter Sattler

Man muss bei aller Sympathie für Querdenker schon festhalten, dass der Reichtum unseres Landes eher auf Leistungswillen basiert als auf schrankenloser Selbstverwirklichung. Da aus der Wirtschaftsleistung letztlich auch Soziales und (immer mehr) Rentenzahlungen finanziert werden, sollte man deshalb eher mit längerer als mit kürzerer Lebensarbeitszeit rechnen. Es ist durchaus realistisch, dass irgendwann die Rente mit 70 kommt. Das heißt nicht, dass sie für jeden gelten muss. Aber selbst wenn die Rente mit 70 nur für die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung machbar wäre, sollte entsprechend umgesteuert werden. Zum einen müssen die Arbeitsbedingungen gerade für Ältere durch Lebensarbeitszeitkonten, Teilzeitmöglichkeiten und vieles mehr möglichst flexibel gestaltet werden. Zum anderen sollte es Präventivmaßnahmen geben, damit sich die Chance erhöht, gesund 70 zu werden (und natürlich mehr).

Ein Arzt schlägt etwa vor, Erwerbstätigen ab 45 pro Jahr mehrere Wochen die Möglichkeit einzuräumen, sich fortzubilden und präventiv etwas für die Gesundheit zu tun. Daran, dass es viel Lebenskunst und auch Glück braucht, um „unfallfrei“ durch 40 bis 45 Berufsjahre zu kommen, denken Chefs eher selten. Meist sind sie am kurzfristigen Erfolg orientiert.

Erstaunlich bei der ganzen Debatte um Grundeinkommen und Hartz IV ist, dass neben den Grünen auch die SPD anscheinend eher darauf setzt, Arbeit zu vermeiden, anstatt deren Bedingungen zu verbessern. Dies war doch früher ein Hauptanliegen der Linken und gerade auch der SPD als einstiger Partei der Arbeit. Ihre aktuelle Defensivtaktik erinnert an Fußballtrainer, die nur noch Tore verhindern, anstatt selber welche schießen zu wollen. Das Wahlkampf-Motto der Hessen-SPD hieß doch „Zukunft gestalten“ und nicht: Arbeit vermeiden.

dieter.sattler@fnp.de

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