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Kommentar zur Buchmesse: Misere und Licht

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Es ist ein Wehklagen und Jammern: Die Menschen lesen nicht mehr. Aber das stimmt nicht. Am Smartphone und Tablet lesen die Menschen mehr denn je. Nur: immer weniger Bücher. Bücher sind zeitintensiv.

Es ist ein Wehklagen und Jammern: Die Menschen lesen nicht mehr. Aber das stimmt nicht. Am Smartphone und Tablet lesen die Menschen mehr denn je. Nur: immer weniger Bücher. Bücher sind zeitintensiv. Und womit die Menschen heute am meisten geizen, ist: Zeit. Was nun?

Gestern wurde der Deutsche Buchpreis vergeben, heute eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Sie feiert sich gern als weltgrößten Branchentreff. Doch diese Branche steckt in einer tiefen doppelten Krise. Um mehr als fünf Prozent ging der Umsatz im Sortimentsbuchhandel im letzten Jahr zurück. Ein Viertel aller Deutschen liest gar keine Bücher mehr. Millionen Leser hat der Buchhandel innerhalb weniger Jahre verloren.

Viele Buchhandlungen kämpfen ums Überleben. Viele Verlage, darunter auch große, sind ins Schlingern geraten. Ein oberflächliches und doch signifikantes Indiz sind die abgesagten Messe-Partys in diesem Jahr: S. Fischer, Rowohlt und Hanser ziehen die ohnehin teure Messe ohne Feier durch.

Das ist die erste Krise – eine ökonomische. Die zweite ist eine Sinnkrise. Warum überhaupt noch Bücher verlegen, und welche? In vielen deutschen Wohnzimmern findet man gar kein Bücherregal mehr. Bücher verlieren an gesellschaftlicher Relevanz. Zuerst mussten die Romane dran glauben, jene zeitraubenden Ungetüme mit diffusem Mehrwert. Dann die Sachbücher. Kein Schüler liest heute mehr eine Rowohlt-Monografie, wenn er sich die zentralen Informationen rasch zusammengoogeln kann. Dann die Ratgeber. Rat findet man auch im Netz. Da bleibt nicht viel übrig.

So weit, so schlecht. Und nun, inmitten der Misere, noch einmal die Frage: Was nun? Ein Licht gibt es, das heller leuchtet denn je: Noch nie gab es so viele literarische Veranstaltungen wie heute. Sie sind heiß begehrt und in der Rhein-Main-Region, trotz eines immensen Angebots, nicht selten ausverkauft. Die Menschen sind der guten Geschichten also gar nicht müde. Sie wollen sie hören, und sie brauchen Bücher, weil sie ihnen helfen, die Welt besser zu verstehen. Das war früher so, und es gilt offenbar noch heute.

Doch anders als früher wollen Leser mit ihren Büchern nicht mehr allein sein. Sie wollen ihre Lektüre-Erfahrungen teilen – so, wie sie ihre Konsumentscheidungen, ihre Urlaubserlebnisse und, ja, auch ihre Netflix-Erlebnisse im Netz teilen. Deswegen gründen sich private und öffentliche Lektürezirkel. Deswegen haben Blogger, die auf ihre Leser reagieren, Zulauf. Deswegen ist der Autor als Ansprechpartner auf Lesungen begehrter denn je. Deswegen geben Menschen für solche Erfahrungen das Wertvollste, das sie haben: ihre Zeit.

Das lehrt uns: Die Literatur ist nicht tot. Tot ist allerdings das Einbahnstraßen-Prinzip von früher: Der Verlag produzierte, der Buchhändler verkaufte, der Leser las. Das funktioniert nicht mehr. Vielleicht liegt das Geheimnis für die Zukunft guter Geschichten nur in einer anderen, zeitgemäßeren Vermittlung. Buchhandlungen und Verlage müssen ihren Lesern eine Heimat bieten. Heimat aber ist nicht, wenn einer spricht, und alle zuhören. Sondern da, wo alle erzählen. Miteinander.

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