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Die Volkswagen-Kernmarke VW Pkw sieht sich dank Sparerfolgen und neuer Modelle wieder in der Erfolgsspur. Foto: Uli Deck

Kommentar: Dieseltests - Was solche Studien wert sind

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Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte ihre Empörung nicht zurückhalten: Namhafte deutsche Autohersteller, allen voran VW, ließen Abgastests mit Affen machen.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte ihre Empörung nicht zurückhalten: Namhafte deutsche Autohersteller, allen voran VW, ließen Abgastests mit Affen machen. Zudem wurden mit Unterstützung der Autoindustrie 25 Versuchspersonen einer „Kurzzeit-Inhalationsstudie“ mit Stickstoffdioxid (NO2), einem reizenden Hauptbestandteil des Dieselabgases, unterzogen. Veranlasst von einer „Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“ (EUGT), für die Vertreter von der Fraport AG, Daimler, BMW und Volkswagen auftraten. Nicht von ungefähr ausgerechnet diejenigen, für die der großflächige Schadstoffausstoß sozusagen zum Tagesgeschäft gehört. Auch wenn diese Vereinigung von einem Beirat mit Anbindung zu Forschungseinrichtungen und wissenschaftlichen Fakultäten unterstützt worden ist, so ist ihre Zielsetzung mehr als zweifelhaft, wenn sie Aufgaben erfüllen soll, deren Ergebnisse quasi vorab feststehen: So war angeblich mit den Affentests zu belegen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung stark abgenommen hat. Waren die Tierversuche also ethisch vertretbar? Reicht der Erkenntnisgewinn dafür aus? Absolut nicht.

Die EUGT – ein Lobbyverein. Dubios auch, dass die Vereinigung Prof. Helmut Greim von der TU München zum Vorsitzenden ihres Forschungsbeirats gekürt hatte – einen Mann, der sich nach Auffassung des ARD-Magazins „Monitor“ als „industrienaher Gutachter“ hervorgetan haben soll. Ist es zudem Zufall, dass VW und Bosch an der Arbeit der EUGT beteiligt waren, ausgerechnet diese Allianz, die den großen Dieselskandal erst möglich gemacht hat? Dieser Skandal war 2013, als die Tests an Affen begannen, zwar noch lange nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber wir wissen heute noch immer nicht genau, wann dieser Abgasbetrug begonnen hat.

Auch wenn die Beteiligten beteuern, dass die Versuche an Menschen nichts mit dem späteren Dieselskandal zu tun hatten, sondern die Stickoxidbelastung am Arbeitsplatz untersucht werden sollte, weil Grenzwerte geändert wurden, so mögen wir uns auch mal grundsätzlich fragen: Was sind solche Studien wert, wenn die Verursacher bei deren Erhebung und Auswertung federführend sind? Und wo ist letztlich der Unterschied zum Dieselskandal? In beiden Fällen versucht doch eine ganze Branche, sich ihre eigene Realität zu basteln. Jede Beteuerung im Nachhinein, dass Abgastests an Affen und Menschen unethisch seien, wirken kaum glaubwürdig, zumal Unterlagen der EUGT laut „Süddeutsche Zeitung“ belegen, dass seinerzeit alle wichtigen Manager der beteiligten Automarken von den Versuchen unterrichtet worden waren.

„Zehn Affen stundenlang mutwillig Autoabgase einatmen zu lassen, um zu beweisen, dass die Schadstoffbelastung angeblich abgenommen hat, ist widerlich und absurd“, schimpfte gestern Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), immerhin gleichzeitig VW-Aufsichtsrat. Der nun laute Ruf aus der Politik und der beteiligten Autoindustrie nach Aufklärung klingt eher scheinheilig. Es wird Zeit, dass mit dem Zynismus der Industrie und dem Lobbyismus der Politik nachhaltig aufgeräumt wird.

peter.schmitt@fnp.de Berichte auf Seiten 1 und 4

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