+

Kommentar zur Dürre: Letzte Chance fürs Klima

  • schließen

„Nationales Ausmaß der Witterung“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. „Relativ kleine Dürre“, der Klima- und Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber.

„Nationales Ausmaß der Witterung“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. „Relativ kleine Dürre“, der Klima- und Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber. Es geht um dasselbe Phänomen: den außergewöhnlich langen, außergewöhnlich heißen und außergewöhnlich trockenen Sommer in Deutschland. Und so widersprüchlich die Bewertungen klingen – tatsächlich bedeuten sie exakt dasselbe: Global betrachtet ist das deutsche Wetter eine Petitesse.

Selbstverständlich aber hat Klöckner ihr Urteil ganz anders gemeint. Nämlich so, dass das Wetter spürbare Auswirkungen hat: zunächst für die Bauern, später vielleicht für die ganze Republik – falls das Brot teurer wird und wenn, was sicher scheint, die Kartoffeln. Deren Erntemenge wird sich im Vergleich zum Fünf-Jahres-Durchschnitt wohl halbieren. Für die Verbraucher ist das unliebsam. Für die Bauern misslich, weil sie – so existenziell betroffen – auf Hilfe vom Staat angewiesen sind. Und sich noch mehr als ohnehin schon in die Ecke der Subventionsabgreifer gedrängt sehen.

Und doch: Der Republik – und dem Klima – konnte nichts Besseres passieren als vier Monate Hitze und Dürre am Stück. Dem Klima, weil es ganz von selbst wieder zum Thema geworden ist. Die großkoalitionären Politiker haben es ja auf die sehr lange Bank geschoben – vom gedehnten Kohleausstieg über die geschonten Automobilbaubetrüger bis zur gepäppelten Agrarindustrie. Aber nun spürt die Gesellschaft wortwörtlich am eigenen Leib, was ihr droht, wenn sie Union und SPD und den noch stureren Leugnern das Durchmogeln weiter durchgehen lässt.

Politik machen, mahnt Schellnhuber, bedeute Zumutungen. So betrachtet verweigern die Kanzlerin und ihr Kabinett ihren Job. Oder verstecken sich, wie die Agrarministerin, hinter Umständen – statt sich schleunigst an deren Veränderung zu machen. Bio, sagt Klöckner, könnten die meisten Familien sich nicht leisten. Vielleicht, weil die Mieten so irrwitzig teuer sind? Weil der Wirtschaftsboom mit unangemessen niedrigen Löhnen erkauft wurde?

Kühl gedacht, trotz all der Hitze, läuft es auf die Systemfrage hinaus. Nicht nur für die Landwirtschaft – aber für die eben auch. Kleinteiliger und vielfältiger, saisonaler und regionaler: Die Stichworte für eine weniger umweltschädliche Produktionsweise sind längst bekannt. Aber 85 Prozent der EU-Agrarförderung werden störrisch nach der Formel „Je größer, desto mehr“ vergeben.

Das Motto ist, grundsätzlich, nicht schlecht. Je größer das Klimaziel, beispielsweise, desto mehr Nachhaltigkeit. Aber ach: Diese Bundesregierung kassiert statt des Treibhausgasausstoßes lieber ihr Klimaziel für 2020. Das ist relativ blamabel. Und absolut katastrophal.

politik@fnp.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare