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Gearbeitet wird schon lange in den Towern. Nun aber gewinnt das Wohnen in Hochhäusern eine immer größere Bedeutung.

Kommentar: „Economist“-Studie Frankfurt? Aber sicher!

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Mit Frau und zwei Kindern nach Frankfurt ziehen? Ob ich mir das denn gründlich überlegt habe, wurde ich gefragt, als ich im vorigen Jahr als Redakteur bei dieser Zeitung angefangen habe. Natürlich hatte ich all das gelesen: Kriminalitäts-Hochburg, Drogen-Schwerpunkt, aggressives Betteln auf der Zeil und anderswo.

Mit Frau und zwei Kindern nach Frankfurt ziehen? Ob ich mir das denn gründlich überlegt habe, wurde ich gefragt, als ich im vorigen Jahr als Redakteur bei dieser Zeitung angefangen habe. Natürlich hatte ich all das gelesen: Kriminalitäts-Hochburg, Drogen-Schwerpunkt, aggressives Betteln auf der Zeil und anderswo.

Und ja: All das gibt es. Erst am Wochenende hat die Polizei bei einer Großrazzia im Bahnhofsviertel zwei Dealer festgenommen. In der vergangenen Woche hat eine 72-Jährige im Stadtteil Sachsenhausen einem vermeintlichen Postboten die Tür geöffnet – und wurde von ihm niedergeschlagen und beraubt. Alltag ist, dass sich einem beim Flanieren in Frankfurts Einkaufsstraßen zum Betteln ausgestreckte geöffnete Hände entgegenstrecken.

Ein Frankfurter Phänomen ist das nicht. In der Main-Metropole fühlt es sich nicht anders an als in Berlin, Hamburg oder Köln. Es sind Großstädte, in denen Armut, Kriminalität und der Kampf der Behörden dagegen zum täglichen Erscheinungsbild gehören.

Ob dieser Kampf in Frankfurt in ausreichendem Maße geschieht, ist Thema im Oberbürgermeister-Wahlkampf. CDU-Kandidatin Bernadette Weyland will das Betteln auf der Zeil verbieten, ihr unabhängiger Mitbewerber Volker Stein sorgte mit der Ankündigung für Empörung, er wolle „ungelernte und verhaltensauffällige Nordafrikaner in entsprechende geschlossene Einrichtungen verfrachten und deren Ausweisung beantragen“. Und sogar Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) räumt in einem Interview mit dieser Zeitung ein, dass es „in Teilen des Bahnhofsviertels Probleme“ gebe. Ein zentrales Thema ist die Kriminalität in diesem Wahlkampf jedoch nicht. Wohnen und Verkehr sind die Themen, die in Frankfurt dominieren.

Daher ist das gute Abschneiden Frankfurts beim Faktor Sicherheit in der „Economist“-Studie weit weniger verwunderlich als es zunächst den Anschein hat. In der bundesweiten Kriminalitätsstatistik für 2016 wurde Frankfurt zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr als die Stadt in Deutschland mit der höchsten Kriminalitätsrate geführt, sondern rangiert erfreulicherweise auf Platz 4. Es wurden 15 671 Straftaten pro 100 000 Einwohner registriert. Im Jahr 2015 lag sie noch bei 16 550, ein Jahr zuvor sogar bei knapp 17 000 Straftaten.

Ob es sich um einen positiven Ausreißer handelt, werden die Zahlen für 2017 zeigen, die der Bundes-Innenminister demnächst vorlegen wird. Erst wenn sich die Entwicklung verstetigt, hat Frankfurt eine Chance, seinen fragwürdigen Titel als Kriminalitäts-Hauptstadt loszuwerden.

Übrigens: Natürlich wird meine Familie nach Frankfurt ziehen.

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