Bruch mit den USA

Kommentar: Europas Kennedy-Aufbruch

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Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass dieser Tage eines US-Präsidenten gedacht wurde, der bis heute als Lichtgestalt und Hoffnungsträger Amerikas sowie der freien Welt gilt. Die Rede ist von John F.

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass dieser Tage eines US-Präsidenten gedacht wurde, der bis heute als Lichtgestalt und Hoffnungsträger Amerikas sowie der freien Welt gilt. Die Rede ist von John F. Kennedy, der am 29. Mai 100 Jahre alt geworden wäre. Während JFK bei seiner Amtseinführung als 35. Präsident der USA im Jahr 1961 für Aufbruchstimmung, für Optimismus und für das Überschreiten von Grenzen sowie globale Verantwortung stand, verkörpert Donald Trump so ziemlich das Gegenteil von all dem: eine angstbesetzte Weltsicht, das Errichten von Mauern, nationalistischer Egoismus und Protektionismus. Und wie es aussieht, gesellt sich nun noch ein zweifelhaftes Etikett hinzu: Totengräber der USA als Vorbild und führende Nation der westlichen Staatengemeinschaft. Was für eine Bilanz nach gerade mal 130 Tagen im Amt.

Das Fass zum Überlaufen hat zweifellos der Trumpsche Konfrontationskurs auf dem G 7-Gipfel gebracht. Dass es dazu kommen würde, war jedoch bereits vorher klar. Schließlich hat der 45. US-Präsident nie einen Hehl aus seinen Ansichten und Absichten gemacht. Aber offenbar waren die Kanzlerin und ihre Kollegen bisher der irrigen Meinung, sie könnten die menschgewordene Abrissbirne aus Washington in irgendeiner Weise einhegen. Diese naive Illusion scheinen sie nun endgültig begraben zu haben.

Dennoch bietet ein Bruch mit den USA respektive mit der gegenwärtigen US-Führung auch eine historische Chance für die Europäer. Das haben sowohl Merkel als auch Sigmar Gabriel zu Recht angemahnt. Ja, Europa muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und stärker werden. Will heißen: Mehr denn je sind die EU-Staaten dazu aufgerufen, sich endlich zusammenzuraufen und eine Gemeinschaft aufzubauen, die ihren Namen verdient.

Wie wäre es also endlich mit einer einheitlichen Flüchtlingspolitik, in der sich einzelne Staaten nicht weiter der kollektiven Verantwortung entziehen können? Notwendig wäre auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, um den wackligen Euro endlich auf eine stabile Basis zu stellen. Und schließlich müssten die Europäer ihre Außen- und Sicherheitspolitik angleichen angesichts einer polarisierten, unsicheren Welt, die zunehmend im Würgegriff von Autokraten wie Putin oder Erdogan steckt. Ein Anfang wäre, durch eine engere Zusammenarbeit von Bundeswehr und französischer Armee den Grundstein für eine künftige europäische Truppe zu legen. Mit dem neuen französischen Präsidenten Macron hätte man dazu den idealen Partner.

Zugegeben, das ist leichter gesagt als getan, zumal die Zeichen in den letzten Jahren eher auf Streit und Rückkehr zu nationalen Alleingängen standen. Aber vielleicht schweißt Not zusammen. Dabei wären die Europäer gut beraten, sich mal ein Beispiel an JFK nehmen, sprich die Gunst der Stunde für etwas Aufbruchstimmung zu nutzen.

klaus.spaene@fnp.de

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