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„Iran hat gelogen” - Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer Pressekonferenz, bei der Bilder aus einem „geheimen Atomarchiv” in Teheran gezeigt wurden. Foto: Sebastian Scheiner/AP

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Kommentar zu Iran: Zündeln am Pulverfass

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Eigentlich, so sollte man meinen, ist der Nahe und Mittlere Osten mittlerweile in Sachen Krisenpotenzial ausgereizt. Doch angesichts der aktuellen Entwicklungen kann davon keine Rede sein, im Gegenteil!

Eigentlich, so sollte man meinen, ist der Nahe und Mittlere Osten mittlerweile in Sachen Krisenpotenzial ausgereizt. Doch angesichts der aktuellen Entwicklungen kann davon keine Rede sein, im Gegenteil! Die israelischen Vorwürfe an den Iran, gegen das Atomabkommen zu verstoßen, bergen die Gefahr einer weiteren Eskalation in sich. Zurückhaltend formuliert. Denn wie es aussieht, steuern beide Länder immer mehr auf einen offenen Krieg zu. Aber der Reihe nach.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat den Iran in einem sorgfältig inszenierten Spektakel der Lüge bezichtigt. „Bibi“ untermauerte dies mit angeblichen Beweisen aus einem „geheimen Atomarchiv“ des Irans. Die Reaktionen waren denn auch vorhersehbar. Die des Irans, der seinerseits Israel Lügen und Täuschungen vorwirft. Und die der USA, wo Donald Trump seit langem keinen Hehl daraus macht, wie wenig er von dem 2015 geschlossenen Abkommen hält.

Das Ganze erinnert an den Auftritt des früheren US-Außenministers Colin Powell im Jahr 2003 vorm UN-Sicherheitsrat, als er die Welt von der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak überzeugen wollte. Bekanntlich haben sich die dabei präsentierten Belege als falsch herausgestellt. Ob dies jetzt auch der Fall ist, lässt sich noch nicht sagen. Einiges deutet jedoch darauf hin, zumal die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bislang keine glaubwürdigen Hinweise darauf hat, dass der Iran Atomwaffen entwickeln möchte.

Dennoch wäre es leichtfertig, die israelischen Anschuldigungen einfach ins Reich der Legenden zu verweisen. Zu sehr verfolgen die Mullahs eine aggressive geostrategische Machtpolitik, mischen im Jemen, im Libanon und im Irak mit, haben sich vor allem in Syrien breitgemacht. Mit Tausenden Soldaten und der schiitischen Hisbollah-Miliz hat Teheran mit dafür gesorgt, dass sich das Assad-Regime auf der Siegesstraße befindet. Israel seinerseits hat bis dato mit Raketen reagiert. Nur allzu verständlich, zumal der Iran das Existenzrecht des jüdischen Staats verneint.

Das Atomabkommen zu kippen, wofür Israel Trump nun eine Steilvorlage liefern wollte, ist aber ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Der Iran hat sich zwar zu einem Machtfaktor entwickelt, ist aber auf gewisse Weise auch berechenbar. Durch eine Kündigung des Vertrags und die Wiederaufnahme von Sanktionen würde das Land jedoch in die Enge getrieben und womöglich sein Atomprogramm wieder aufnehmen. Die Folgen wären verheerend. Die USA und die internationale Staatengemeinschaft wären daher gut beraten, die im Raum stehenden Vorwürfe sorgfältig zu untersuchen, bevor weiter am Pulverfass gezündelt wird.

klaus.spaene@fnp.de Bericht auf Seite 1

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