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Tourismus

Kommentar: Kurz vor dem Kollaps

Venedig hat keine 55 000 Einwohner. Dubrovnik maximal 45 000. Glaubt man gar nicht – wenn man an die Bilder denkt vom Markusplatz und von der Altstadt hoch über der Adria. Menschen in Massen.

Venedig hat keine 55 000 Einwohner. Dubrovnik maximal 45 000. Glaubt man gar nicht – wenn man an die Bilder denkt vom Markusplatz und von der Altstadt hoch über der Adria. Menschen in Massen. Kein Wunder: Rund um San Marco drängen sich jährlich 30 Millionen Touristen, um Sankt Blasius verzwanzigfacht sich im Sommer die Einwohnerzahl.

In Passau – auch eine dieser relativ kleinen, aber absolut boomenden Schönheiten – hat der zuständige Denkmalpfleger Anfang des Jahres gegrollt: Seit täglich mindestens sechs Kreuzfahrtschiffe am Drei-Flüsse-Eck festmachten, verkomme die Stadt zur „Pappkulisse“. Der Oberbürgermeister indes hält vierzigmal mehr Touristen als Passauer für „sehr erfreulich“.

„Overtourism“ heißt das Phänomen, Übertourismus auf Deutsch. Es werden also die Gäste den Gastgebern zu viel; in jeder Hinsicht. Overtourism gilt, genau genommen, aber längst schon für die Erde. Das System steht – auch hier – kurz vor dem Kollaps.

Deutschland hat es in diesen großen Ferien zum ersten Mal richtig zu spüren bekommen – durch das Sicherheits-Chaos auf den ohnedies ewig überfüllten Flughäfen. Hinterher hieß es dann plötzlich, der Mallorca-Trip für 29,99 sei kein Menschenrecht. Nicht heißt es aber, dass die Steuerfreiheit für den Flugtreibstoff Kerosin kein Fluggesellschaftenrecht ist, sondern eine durch schwersten Lobbyisten-Druck erhaltene Vergünstigung für die Tourismusindustrie. Und nicht heißt es auch, dass die immer noch zumeist die Dreck-Pampe Schweröl verbrennende Kreuzfahrer-Armada auf Meeren und Flüssen Feinstaub, Stickoxide und Kohlendioxid in die Atmosphäre jagt, ohne sich um irgendwelche Grenzwerte zu scheren. Weil es, anders als für Autos, für sie keine gibt.

Man muss nicht lange nachdenken, um zu begreifen: Der Tourismus konzentriert alle Probleme der Welt: Umweltverschmutzung und Gentrifizierung; Kampf der Globalisierungsgewinner gegen die Globalisierungsverlierer; Privatisierung von Profiten und Sozialisierung von Verlusten. Und am Ende die Abschottung vor Fremden, selbst wenn die nicht lange bleiben wollen, sondern als Tages- oder Partytouristen ein bisschen Geld mitbringen und viel Lärm und Dreck.

Ein gutes Zehntel der Wirtschaftsleistung in Deutschland geht aufs Konto des Tourismus. Was soll man erwarten, wenn schon die Automobilindustrie jeden Zwang von sich fernhalten kann – und die schafft drei Prozent weniger fürs BIP. Der Staat wird’s nicht richten. Die längst globalisierte und digitalisierte Reiseindustrie schon gleich gar nicht. Es müsste der Mensch ganz individuell zur Vernunft kommen – und zwar in Massen. Wie es aussieht, wird er aber lieber weiter massenhaft auf Schnäppchentrip gehen.

politik@fnp.de

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