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Kommentar: Liegt es nur am Geld?

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Von: Cornelie Barthelme

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„Weil du arm bist, musst du früher sterben“ hieß der Film, der vor exakt sechzig Jahren in die deutschen Kinos kam – und von reichen Wirtschaftswunderländlern handelte, von aufrechten, aber armen

„Weil du arm bist, musst du früher sterben“ hieß der Film, der vor exakt sechzig Jahren in die deutschen Kinos kam – und von reichen Wirtschaftswunderländlern handelte, von aufrechten, aber armen Arbeitern, die das Wohlleben dieser Wohlhabenden unter Preisgabe ihrer Gesundheit erschufteten, von deren aufopferungsvollen Ärzten und ihrem Kampf fürs Patientenwohl gegen in Verwaltungspalästen verschanzte Krankenkassen-Bürokraten.

Der Streifen wurde – trotz zeitgemäßen Pathos’ – kein Kassenschlager. Sein Thema aber ist im Jahr 2016 so aktuell wie damals. Und sein Titel so wahr. Aber ist der Zusammenhang wirklich so schlicht: Weniger Geld – weniger Jahre? Lebt der Hesse, so männlich und im Taunus daheim, die statistischen drei Jahre länger als der Offenbacher, weil in Kronberg und darum herum die Millionärsdichte so hoch ist? Lässt also Gesundheit sich erkaufen? Nicht nur jenseits des Ärmelkanals weiß man es längst besser. In London forscht Michael Marmot, Professor und Sir, seit dreißig Jahren nach den Ursachen dessen, was er „die Gesundheits-Kluft“ nennt. Und wollte man seine Erkenntnisse frech in einen Satz fassen, dann lautet der: Die Lebenserwartung ist viel enger mit dem Lebensstil und dem Lebensgefühl gekoppelt als an Geld.

Für Marmots These spricht nicht nur, dass Gesundheit ja nicht mit dem Erkranken und Geheiltwerden beginnt. Auch, dass Armut nicht allein den Kontostand niedrig hält, sondern auch Ansehen und Einfluss schwächt. Soziologen nennen Arbeitslosigkeit einen massiven Stressfaktor – selbst wenn die Existenz gesichert ist. Statistiken erweisen, dass Frührentner eine klar kürzere Lebenserwartung haben als ihre länger und lange arbeitenden Altersgenossen. Und ein Forscherteam aus Schweden, Großbritannien und den USA fand heraus, dass Lottogewinner nicht automatisch steinalt werden. Der logische Schluss daraus: Weder medizintechnischer Fortschritt noch die 37. sogenannte Gesundheitsreform und auch nicht fünfzig Euro mehr ALG II werden die sozial Schwachen zu starken Alten machen. Wer mehr Lebenszeit auch für die Armen will, muss für mehr spürbare Gerechtigkeit sorgen.

Man könnte, beispielsweise, bei den Kindern beginnen. Warum gibt es nicht längst Ernährungskunde samt Kochen oder gleich ein Fach „Praktische Lebensführung“ – wo das Jammern über überforderte Eltern auch in der Mittelschicht nicht bloß laut, sondern auch gerechtfertigt ist. Man könnte einen Diskurs darüber führen, warum Armut hierzulande keinen Verzicht auf Konsumgüter, nicht einmal Statussymbole wie Smartphones, bedeutet – wohl aber den auf gesellschaftliche Wahrnehmung und also Würde. Und man könnte sich, in Berlin-Regierungsviertel, aber auch dort, wo das Bürgertum zu Hause ist, ein wenig schämen. Weil sich trotz allen guten Wissens und Willens in sechzig Jahren nicht wirklich etwas geändert hat.

fpolitik@fnp.de

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