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Angela Merkel während der Sitzung des Bundesvorstands der CDU im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin.

Merkel

Kommentar: Muttis Dämmerung

Politik kennt kein Mitleid. Wer in den Verdacht gerät, es zu verdienen, kommt nicht mehr in Frage. Wo es um Macht geht, werden Verzicht, Abschied oder schrittweiser Rückzug von scheinheiligen Respektsbekundungen

Politik kennt kein Mitleid. Wer in den Verdacht gerät, es zu verdienen, kommt nicht mehr in Frage. Wo es um Macht geht, werden Verzicht, Abschied oder schrittweiser Rückzug von scheinheiligen Respektsbekundungen begleitet, doch auch vom Gift der Rachsucht und Bösartigkeit, von Häme und Missgunst. Einer lauert immer, der den Satz Nietzsches nachspricht: Was fällt, soll man stoßen.

Ob Angela Merkel das Ende ihre Kanzlerschaft noch planmäßig erreicht, ist nach ihrer Entscheidung, nicht mehr für den CDU-Parteivorsitz zu kandidieren, ungewisser denn je. Hat der Autoritätsverfall erst einmal begonnen, ist er kaum noch aufzuhalten. Er könnte schnell das Kanzleramt erfassen. Was eben noch Halt und Stütze war, erweist sich dann plötzlich als brüchig und einsturzgefährdet. Bindungen lösen sich. Loyalität zersetzt sich. Auf einmal erheben sich die Widersacher, die Neider und zu kurz Gekommenen. Die Opportunisten und Charakterlosen wechseln die Seiten. Pardon wird dann nicht mehr gegeben. Nicht in der Partei, nicht im Land – nicht draußen in der Welt.

Man hört aus den Reaktionen auf Merkels Entschluss nicht nur den anerkennenden und hoffnungsfrohen Beifall, jetzt könne mit Anstand die notwendige Erneuerung beginnen, der Aufbruch in die Zukunft. Jetzt sei wieder Zeit und Raum für Visionen, für Veränderung – in der CDU wie in der Republik. Vielen scheint es, als sei ein Vorhang zur Seite gezogen worden, als könne der Blick sich nun wieder auf blühende Landschaften, auf eine junge Welt der Alternativen, unverbrauchten Möglichkeiten und Ideen richten: auf diesen Zauber, der jedem Anfang innewohnt.

Deutlich ist indes auch ein unheimliches Grollen zu vernehmen – zwischen dumpfem Jubel und wütendem Triumph: das der Kanzlerinnen-Hasser, der Merkel-muss-weg-Rufer. All jener, denen Merkel im Wege stand und die nun ihre Chance wittern, das Schicksal des Landes, womöglich Europas zu verändern. Die Rechtspopulisten auch in Ungarn, Polen oder Italien, in Frankreich und England, die Putins, Erdogans und Trumps – sie alle sehen zu, applaudieren heimlich oder offen. Und sie werden stoßen, was längst im Begriff ist zu fallen.

Denn es beginnt ja nicht nur die Dämmerung jener Mutti, der es so wichtig war, dass Deutschland gut schläft, so gut schläft, dass es über viele Jahre wie in eine Trance weggenickt schien. Und selbst in Momenten der Krise nur kurz aufschreckte, blinzelte und wieder einschlief. Mutti war doch immer da. Leise sprach sie: Alles wird gut, wir schaffen das – das ist nur ein böser Traum. Bis zuletzt. Aber es ist ja nicht nur der Abschied von Mutti. Es ist auch die Dämmerung einer Frau, die als die mächtigste der Welt galt und als eine überzeugte Verfechterin westlicher Werte, als ebenso geduldige wie ausdauernde Kämpferin im Namen einer nüchternen, sachbezogenen, auf Vermittlung und Ausgleich bedachten kommunikativen Vernunft. Es ist auch diese Angela Merkel, die dämmert. Es ist auch diese Merkel, die fällt.

Der Augenblick ist heikel, die Welt in Aufruhr. Europas Macht und Einfluss schwinden. Die Unsicherheit wächst. Politisch, ökologisch, ökonomisch, auch militärisch spitzen sich die Bedrohungen zu. Merkels Koordinatensystem für Deutschland und den Kontinent ist selbst zunehmend aus den Fugen geraten. Und noch ist nicht klar, welche Kräfte am Ende ausschlaggebend waren für diese Erosion: die im Inneren oder die des 21. Jahrhunderts, die nicht nur in Berlin, sondern global am Alten zerren? Klar ist nur: Die Freude, dass Mutti immer weniger zu sagen hat, könnte in der CDU sehr kurz sein. Chaos kann einen neuen Stern gebären. Aber auch eine Volkspartei in einen Abgrund stürzen. Politik kennt kein Mitleid. Wer fällt, wird gestoßen. Das hat die SPD gelernt.

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