+

Juristen-Nachwuchs

Kommentar: Nicht nur Noten sehen

  • schließen

Ein dunkler, kühler Raum in einem alten Gebäude mit einem verstaubten Aktenstapel – bei diesem Anblick ergriff ein Jurastudent gleich die Flucht.

Ein dunkler, kühler Raum in einem alten Gebäude mit einem verstaubten Aktenstapel – bei diesem Anblick ergriff ein Jurastudent gleich die Flucht. Die verantwortungsvolle gesellschaftliche Aufgabe des Richterberufs scheint mit der schönen neuen Arbeitswelt für viele Angehörige der „Generation Y“ nicht mehr vereinbar. Ist das ein Zeichen von Oberflächlichkeit oder eines notwendigen gesellschaftlichen Wandels? Vermutlich beides.

So ist es natürlich sehr kurz gedacht, die Attraktivität eines Berufs an seiner vermeintlichen „Coolness“ festzumachen. Moderne Büros, Arbeiten mit dem neuesten Dienst-Laptop auf der Wiese, eine trendige Kaffeemaschine oder ein Tischkicker können auch nur scheinbare Verbesserungen sein – wie die „bunten Schraubenzieher“ am Fließband, über die Otto Waalkes einst in seinem Lied „Susi Sorglos“ spottete.

Auf lange Sicht geht es darum, etwas zu tun, was als sinnvoll empfunden wird. Wenn das nicht der Fall ist, kann auch ein hohes Gehalt oft nicht als Trostpflaster dienen – das zeigen etwa Beispiele von Bankern, die in der Lebensmitte aussteigen. Top-Juristen in manchen Unternehmen könnte es ähnlich ergehen. Und dass sie dort weniger überlastet sind als Richter, ist kaum anzunehmen. Letztere aber leisten eine wertvolle Aufgabe, ohne die unser Staat nicht funktionieren würde.

Doch bei dem Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten, den sie glauben, in der Wirtschaft eher umsetzen zu können, geht es den meisten jungen Menschen ebenfalls um eine Sinnerfüllung – ihre ganz persönliche. Sie möchten eine andere Balance zwischen Arbeit und Leben haben als ihre Eltern. Und weil die demographische Entwicklung sie zu begehrten Arbeitskräften macht, können sie diese Forderungen auch stellen. Die mögliche Befristung auf eine 28-Stunden-Woche, die die IG Metall gerade durchsetzte, zeigt, dass der gesellschaftliche Wandel schon begonnen hat.

Nicht nur für die Justiz, sondern für viele Branchen ist das eine Herausforderung. Niemand kann sich mehr zurücklehnen, weil der Nachwuchs ja ohnehin kommt. Die Älteren müssen sich gezielt darüber Gedanken machen, was ihren Beruf attraktiv macht, ob bisherige Strukturen zeitgemäß sind.

Bei den Juristen ließe sich etwa die Frage stellen, ob der Notenschnitt der Staatsexamen tatsächlich das Maß aller Dinge ist, ob soziale Kompetenz – in Hessen immerhin ein Nebenkriterium – nicht noch wichtiger sein sollte. Ein guter Richter lässt sich, ebenso wie ein guter Mediziner, nicht nur an Noten festmachen, sondern auch an seinem Verantwortungsgefühl. Dieses beinhaltet auch ein Gespür dafür, was sinnvoll für die Gesellschaft ist. Es bleibt zu hoffen, dass das über der wichtigen persönlichen Sinnsuche nicht ganz vergessen wird.

pia.rolfs@fnp.de Bericht auf Seite 1

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare