+

Drei wichtige Ereignisse

Kommentar zum 9. November: Schicksalstag der Deutschen

  • schließen

Am 9. November vollzogen sich gleich drei wichtige Ereignisse, die für die Entwicklung Deutschlands standen und bis heute prägen. Politikchef Dieter Sattler kommentiert die Ereignisse. 

Der 9. November gilt ist als Schicksalsdatum der Deutschen. An diesem Tag vollzogen sich drei wichtige Ereignisse, die für die Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert standen und unser das Land bis heute prägen: Am 9. November 1918, also heute vor 100 Jahren, rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Berlin die Republik aus. Damit vollzog sich der Sturz des Kaiserreichs und gründete sich die erste Demokratie auf deutschem Boden.

Dieter Sattler

20 Jahre später, am 9. November 1938, war sie längst durch die Nazi-Herrschaft abgelöst worden. Mit der Reichspogromnacht wurde nach der ideologischen Hetze gegen Juden das grausame Kapitel der physischen Verfolgung und Vernichtung der Juden eröffnet. Und vor 29 Jahren kam es zur Maueröffnung und letztlich zur ersten erfolgreichen demokratischen Revolution des Volkes aus eigner Kraft. Damit steht der 9. November für den Dreischritt Aufbruch, Niedergang und Neuanfang. Der erste Akt der Freiheit wurde teilweise noch aus Unreife, aber auch wegen der schweren Hypothek der Kriegsfolgen verspielt. Alfred Döblin schildert in seinem monumentalen Roman „November 1918“ facettenreich die tragische Last, mit der die Republik gestartet war. Die Kriegsschulden, all die psychisch und physisch versehrten Heimkehrer, das Elend auf der Straße und der Kampf der politischen Extreme, der die Republik zerstörte. An diesem Prozess waren auch die Kommunisten beteiligt, die die Demokratie von Anfang an, je nach Gesinnung, zur Rätedemokratie oder zur Parteidiktatur umwandeln wollten.

Am Ende wurden sie wie ihr Vorbild Sowjetunion Opfer des noch viel größeren Aggressionswillens der Nazis. Es gab zu wenige Demokraten, die die Republik gegen die Extreme verteidigten. Die Republik wurde auch von zu vielen Linken verachtet, die nicht erkannten, dass der Rechtsstaat keine bloße Hülle der kapitalistischen Profitgier ist, sondern auch Garantie gegen die Willkür des Unrechts, das sich nach 1933 Bahn brach. Die zweite deutsche Demokratie, die nach 1945 unter Schutz und Aufsicht der Siegermächte entstand, war stabiler, aber eben auf den Westen begrenzt. Die Ostdeutschen lebten nach der rechten unter einer linken Diktatur und erkämpften sich erst am 9. November 1989 die Freiheit.

Aber auch die schöne Erinnerung an diesen Tag, der sich im nächsten Herbst zum 30. Mal jährt, enthält eine Mahnung: Denn selbst unter denen, die damals für die Freiheit kämpften, gibt es nicht wenige, die die Demokratie nun schmähen, weil sie von ihr enttäuscht sind. War die Weimarer Republik noch daran gescheitert, dass es noch zu wenige Demokraten gab, könnte unsere Demokratie (nicht nur in Deutschland) dadurch gefährdet ein, dass es nicht mehr genug Menschen gibt, die den Rechtsstaat würdigen und sich für ihn einsetzen. Manchen geht alles zu langsam oder sind Kompromisse überhaupt zu mühsam. Sie wollen, dass die Meinung des Volkes mehr gilt, setzen diese aber mit der eigenen gleich. Die Feinde, die die Demokratie gefährden, sind Polarisierung und Gleichgültigkeit. Demokratie muss wehrhaft sein und braucht Menschen, die sich aus einer starken Mitte für sie einsetzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare