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Kommentar: Plädoyer für die Lehre

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Von: Michael Balk

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© (FNP)

Frank Martin ist ein besonnener und ruhiger Zeitgenosse. Wenn der Direktor der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagentur verbal die Faust ballt und auf den Tisch donnert, muss ein gewichtiger Grund vorliegen.

Frank Martin ist ein besonnener und ruhiger Zeitgenosse. Wenn der Direktor der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagentur verbal die Faust ballt und auf den Tisch donnert, muss ein gewichtiger Grund vorliegen. Und den sieht er in der besorgniserregenden Entwicklung des heimischen Lehrstellenmarktes. Er schlägt Alarm, weil sich immer weniger Schulabgänger für eine duale Ausbildung entscheiden.

Die meisten wollen weiter zur Schule gehen und später studieren. Zuletzt gab es zwar 2,7 Millionen Studenten im Land, aber nur noch 1,4 Millionen Azubis. Das ist eine Blamage für den Standort Deutschland, der so dringend Facharbeiter braucht, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Das Wehklagen von Handwerksbetrieben ist allerdings fehl am Platz. Denn die Zahl der kleinen und mittelständischen Firmen, die ausbilden, ist in den vergangenen Jahren enorm geschrumpft. Sie haben es versäumt, für ihre Berufe zu werben, Aufstiegs- und Karrierechancen aufzuzeigen.

Lehrberufe in Restaurants, bei Klempnern, Fleischern oder Bäckern sind besonders unbeliebt. Hier müsste dringend die Attraktivität erhöht werden. Überlaufen sind hingegen kaufmännische Berufe, Medienberufe und IT-Berufe. Der Staat sollte sich in der Pflicht sehen, dieses Ungleichgewicht zu beseitigen. Er kann bei der Berufswahl steuernd eingreifen, indem er in enger Abstimmung mit den örtlichen IHKs Problemberufe besonders fördert.

Wer allerdings die Hände in den Schoß legt, nur zuschaut wie sich die Lage zuspitzt und dann jammert, hat den Ernst der Lage nicht erkannt. Und darauf zu hoffen, dass Zehntausende junger Flüchtlinge in der Lage sein könnten, die Lehrlingslücke in Deutschland in absehbarer Zeit zu schließen, ist blauäugig. Das gesteht auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ein, die erst längerfristig einen gewissen Entlastungseffekt erwartet.

Ein zweiter Trend bereitet Agentur-Direktor Martin Sorge: Immer mehr Mädchen und Jungen wechseln von der Schulbank unmittelbar in einen Vollzeitjob – als unqualifizierte Hilfskräfte mit schlechter Berufsprognose. Volkswirtschaftlich ist das gefährlich, weil hier das Prekariat von morgen heranwächst. Wer keine Ausbildung hat, läuft größte Gefahr, arbeitslos zu werden, auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein und später in Altersarmut zu enden.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ist mit dem Versprechen angetreten, die Berufsausbildung ins Zentrum ihrer Arbeit zu rücken. Bisher merkt man davon nicht viel.

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