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Protestierer stehen auf einem umgestürzten Lastwagen in der Innenstadt von Prag neben einem umringten sowjetischen Panzer.

Kommentar: Prag - Die Suche nach dem dritten Weg

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Die Älteren werden sich erinnern, wie heute vor 50 Jahren ganz Europa nach Prag blickte. „Dubcek, Svoboda“ skandierten mutige junge Tschechoslowaken die Namen ihres Präsidenten und Parteichefs,

Die Älteren werden sich erinnern, wie heute vor 50 Jahren ganz Europa nach Prag blickte. „Dubcek, Svoboda“ skandierten mutige junge Tschechoslowaken die Namen ihres Präsidenten und Parteichefs, während Panzer der „verbrüderten“ Warschauer-Pakt-Staaten auf sie zurollten. Da die schweren Waffen damals noch über den Traum der Freiheit siegten, folgten für die Tschechoslowakei und die anderen Ostblockstaaten weitere 20 bleierne Jahre. Der Westen hatte dem Sieg des real existierenden Sozialismus über den Prager (Reform)-Frühling ebenso tatenlos zusehen müssen, wie bei der Niederschlagung der Aufstände in der DDR (1953) und in Ungarn (1956) sowie dem Mauerbau 1961. Denn bei massivem Einschreiten des Westens wäre der Ausbruch eines Dritten Weltkrieges wahrscheinlich gewesen.

Anders als bei den Revolten zuvor konnte das Freiheitspflänzchen des Prager Frühlings von den Sowjets und ihren Verbündeten nie ganz plattgetreten werden. Dieser Widerstand, der schon vor dem Internetzeitalter eine weltweite Medienpräsenz hatte, war fortan im kollektiven Gedächtnis Osteuropas verankert. Die Prager Reformer hatten den Grundstein gelegt für alle osteuropäischen Dissidentenbewegungen, die den Eisernen Vorhang mit der Zeit durchlöcherten.

Der Frankfurter Politologe Iring Fetscher (1922–2014) sagte einmal, dass der osteuropäische Kommunismus sich mit der Niederschlagung der Proteste ins eigene Fleisch schnitt. Während im Westen die 1968er-Bewegung und deren Protagonisten bis auf einige Auswüchse (wie die RAF) mit der Zeit ins System integriert wurden und zu einem Produktivitätsschub beitrugen, litt der Ostblock nach dem Ende der Prager Träume endgültig an Erstarrung, die 20 Jahre später zu seinem Tod führte. Für die Tschechoslowakei speziell galt noch, dass sie nach der Vertreibung der Deutschen nach 1945 nun mit großen Teilen der Intelligenz eine weitere produktive Gruppe ins Exil trieb und sich damit enorm schadete.

Fraglich ist aber bis heute, inwieweit der dritte Weg zwischen Sozialismus und Liberalismus wirklich gangbar ist. Aber das Thema ist hochaktuell. Eine Ideallösung wird im Osten heute noch gesucht. Denn nach der Wende herrschte in vielen Ländern neben Reformfreiheit erstmal Wildwuchs und Manchester-Kapitalismus, der Hoffnungen enttäuschte und eine Roll-Back-Welle auslöste. Entweder ging es zurück zu den Kommunisten, die unter neuen Namen antreten, aber wie in Rumänien noch den alten Ungeist leben. Oder die Ordnungssehnsucht wird von autoritären Anführern wie Putin in Russland, Kaczynski in Polen, Orbán in Ungarn und zum Teil Zeman in Tschechien genutzt, für die die Demokratie oft so lästig und störend zu sein scheint wie in alten Zeiten.

Aber die Frage, wie man wirtschaftliche Freiheit so gestalten und einhegen kann, dass sie zwar produktive Wirkung entfaltet, aber das Gemeinsame nicht zerstört, bewegt auch viele Menschen im Westen. Die Volksparteien, die diese Frage nur unzureichend beantworten, werden deshalb von populistischen Bewegungen von links und rechts herausgefordert, die zugunsten vermeintlicher Sicherheiten den Geist der Freiheit oft mit Füßen treten. Insofern bleibt der dritte Weg, nach dem der Prager Frühling suchte, immer noch ein uneingelöstes Versprechen. Ist es auch ein unmögliches?

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