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ARCHIV - 26.06.2014, Berlin: Ein Senior sitzt an einem Computer. (zu dpa "Senioren gesucht - Fachkräfte sind auch im Alter begehrt" vom 02.08.2018) Foto: Tim Brakemeier/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit

Kommentar zu Senioren: Ungenutztes Potenzial

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„Gerade jetzt, wo ich durchschaut habe, dass alle anderen auch nur mit Wasser kochen, soll ich aufhören“, kommentierte der Satiriker Hans Zippert kürzlich seinen 60. Geburtstag.

„Gerade jetzt, wo ich durchschaut habe, dass alle anderen auch nur mit Wasser kochen, soll ich aufhören“, kommentierte der Satiriker Hans Zippert kürzlich seinen 60. Geburtstag. Das ist überspitzt formuliert, zeigt aber ein grundsätzliches Problem: Die meisten Menschen fühlen sich in diesem Alter noch fit, sollen aber ihre Erfahrungen plötzlich nicht mehr einbringen. Denn auch wenn das offizielle Rentenalter längst jenseits der 65 liegt, werden viele ab 60 aus dem Job gedrängt. Meistens, weil sie ihrem Arbeitgeber zu teuer sind.

Den Preis dafür zahlen die Renten- und Sozialkassen, die Betroffenen und die Gesellschaft. Einige Senioren müssen mit Minijobs weiterarbeiten, um der Altersarmut zu entgehen. Andere vermissen das sinnstiftende Element der Arbeit, fühlen sich plötzlich nicht mehr gebraucht oder gar einsam – das macht erwiesenermaßen krank. Dass immer mehr von ihnen daher freiwillig tätig sind oder sich weiterbilden, zeigt: Hier liegt für die Gesellschaft ein großes ungenutztes Potenzial.

Was heute nur die jungen Senioren betrifft, könnte schon bald viele Berufsgruppen erfassen. Schließlich werden im Zuge der Digitalisierung immer mehr Jobs wegfallen, preisen manche eine Zukunft mit bedingungslosem Grundeinkommen ohne Arbeit. Das mag gut klingen. Ob es den Bedürfnissen der Menschen aber wirklich entspricht, wenn die Arbeitswelt sich selbst abschafft, wird viel zu selten gefragt.

Die Lösung kann jedoch nicht sein, das Rentenalter weiter anzuheben – zumal wenn sich dahinter wieder nur eine verkappte Rentenkürzung verbirgt und Menschen über 50 kaum noch Jobs finden. Wichtiger wäre es, Lebensarbeitszeiten flexibler zu gestalten, die Art der Tätigkeit und die persönliche Verfassung stärker zu berücksichtigen. Vor allem aber sollte sich eine Gesellschaft, in der junge Fachkräfte leider fehlen, nicht aus Not auf die Älteren besinnen. Sondern aus Respekt davor, dass jede Altersgruppe andere Fähigkeiten einbringt.

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