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Kommentat zu VW: Viel Glück, Heuschrecke!

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Ernährungsphysiologisch ist der Wert von Heuschrecken unstrittig: 100 Gramm dieser Insekten-Gattung enthalten deutlich weniger Fett, aber ebenso viel Eiweiß wie dieselbe Menge Rinderhack.

Ernährungsphysiologisch ist der Wert von Heuschrecken unstrittig: 100 Gramm dieser Insekten-Gattung enthalten deutlich weniger Fett, aber ebenso viel Eiweiß wie dieselbe Menge Rinderhack. Zudem liefern Heuschrecken ähnlich viele hochwertige Omega-3-Fettsäuren wie Fisch, und sie sind reich an Ballast- und anderen Nährstoffen wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Zink. Aber die meisten Menschen ekeln sich nun mal vor ihnen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den sogenannten Heuschrecken im Wirtschaftsleben: Noch immer haftet den so betitelten Fonds das Negativ-Image an, das 2005 SPD-Veteran Franz Müntefering prägte, als er urteilte, dass sie über Unternehmen herfielen und sie dann ausgedörrt zurückließen. Insofern wird nun auch der Fonds TCI von Sir Chris Hohn mit seinem Vorstoß gegen die VW-Führung hierzulande nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch unter vielen VW-Kleinaktionären eher Unbehagen auslösen. Zu Unrecht.

Natürlich haben Fonds wie TCI – die heute im Fachjargon als „aktivistische Investoren“ bezeichnet werden – vor allem ihren eigenen Profit im Sinn. Aber das ist zunächst ja nichts Verwerfliches: Als Eigentümer ist es ihr gutes Recht, mit der Unternehmensführung zu diskutieren, um eine möglichst gute Verzinsung ihres Kapitals zu erreichen. Aktionäre, die überlegen, ihnen zu folgen, müssen sich im Einzelfall nur im Klaren darüber werden, ob es darum geht, mit viel Lärm eine kurzfristige Rendite zulasten des Unternehmens zu produzieren. Oder ob es um eine langfristige Verbesserung geht.

Und da sollten die VW-Aktionäre nicht lange überlegen müssen: Etwas ist gewaltig faul im Staate Volkswagen, wenn Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn für das vergangene Geschäftsjahr – in dem durch den Abgas-Skandal 40 Milliarden Euro an Unternehmenswert vernichtet wurden – eine leistungsabhängige Vergütung von 5,9 Millionen Euro erhält. Und es ist genauso ein Skandal, wenn da der Gesamtvorstand de facto nicht auf seine Boni verzichtet, während sich die Aktionäre mit elf Cent pro Anteilsschein begnügen sollen. In dieser Situation müssen die Aktionäre den selbstzufriedenen Vorständen und den Aufsichtsräten, die ihre Kontrollfunktion eindeutig nicht wahrgenommen haben, Einhalt gebieten. Ein veränderter Aufsichtsrat und ein neues Entlohnungssystem würden nicht nur den Aktienkurs nach oben hieven, sondern auch dem Unternehmen zugute kommen. Zumal Hohn nicht Unrecht hat, wenn er meint, dass das bisherige Vergütungsmodell eine aggressive Unternehmenskultur gefördert hat, in der Mitarbeiter sich zum Betrug gezwungen sahen.

Der Vergleich mit den Bonus-fokussierten Investment-Bankern, die der Welt hochriskante Derivate andrehten und damit die Finanzkrise mit heraufbeschwörten, drängt sich hier geradezu auf. Bei den Banken hat der Gesetzgeber unlängst Grenzen gezogen. Bei den Unternehmen müssen dies die Aktionäre selbst tun. In diesem Sinne ist TCI viel Glück zu wünschen.

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