Kommntar zum DFB: So sieht also Erneuerung aus

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Stellen Sie sich vor, Ihr Konzern fährt einen finanziellen Verlust ein, wie es ihn in seiner Geschichte noch nie gegeben hat. Aber nur wenige Stunden nach Bekanntgabe der Zahlen bekommt der zuständige

Stellen Sie sich vor, Ihr Konzern fährt einen finanziellen Verlust ein, wie es ihn in seiner Geschichte noch nie gegeben hat. Aber nur wenige Stunden nach Bekanntgabe der Zahlen bekommt der zuständige Bereichsleiter vom obersten Chef eine Job-Garantie. Ein paar Tage später gibt es eine Telefonkonferenz, in der die erweiterte Konzernleitung unisono ebenfalls beschließt, mit dem Bereichsleiter weiterzumachen. Eine Analyse der Problematik, eine eingehende Diskussion der begangenen Fehler hat zwischendurch nicht stattgefunden. Nachdem der Bereichsleiter den Auftrag erhalten hat, diese Analyse in ein paar Wochen vorzulegen, also sein eigenes Versagen aufzuklären, gehen alle erst einmal in den Urlaub.

Gibt’s nicht? Gibt’s doch – beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem größten nationalen Sport-Fachverband der Welt.

Was der DFB momentan zur Aufführung bringt, ist fast so peinlich wie das historisch frühe Ausscheiden bei der WM in Russland. Über mehrere Sitzungen und Diskussionsrunden hinweg – erst gestern wieder – soll der Eindruck einer entschlossenen Aufklärung des Desasters vermittelt werden. Dabei steht das Ergebnis längst fest: Zu Löw gibt es – warum auch immer – derzeit keine Alternative, also darf, also soll, also muss er weitermachen. Fast scheint es, als habe sich der Verband seinem Top-Angestellten ausgeliefert – ein deutlicher Beleg für die Führungsschwäche von Präsident Reinhard Grindel.

Dabei sind die Defizite des Bundestrainers längst öffentlich diskutiert worden: Am schwersten wiegt dabei, dass Löw es nicht geschafft hat, aus drei vielversprechenden Spieler-Reservoirs – Weltmeister-Team 2014, U-21-Europameister 2017, Confed-Cup-Sieger 2017 – die richtigen 23 Spieler auszuwählen. Nach der Serie missglückter Auftritte vor der WM ist nie richtig gegengesteuert worden. Löw hat selbst eine gewisse Selbstherrlichkeit im Team festgestellt. Sie auszutreiben, hat er nicht geschafft – was zum Debakel im Eröffnungsspiel gegen Mexiko führte. Moderne und gute Trainer passen ihre Taktik dem Spielverlauf an, ändern sie bei ungünstigen Verläufen. Auch davon war in Russland nichts zu sehen. Und der Austausch eines Co-Trainers wird nicht sofort und dauerhaft für Besserung sorgen. Nicht zu vergessen das Thema Mesut Özil. Weder der DFB-Präsident noch der Bundestrainer haben seine Sprengkraft erkannt und rechtzeitig die richtigen Schlüsse gezogen.

Vor allem aber ist die große Frage, ob Löw in der Lage ist, sich als Mensch neu zu erfinden, den Hunger nach sportlicher Erneuerung selbst vorleben zu können. Dazu muss er die von ihm und Manager Bierhoff geschaffene Komfort-Oase ein für alle Mal verlassen. Die Bilder eines in Sotschi versonnen an einer Strand-Laterne lehnenden Bundestrainers sind im Nachhinein ein Symbol seines Scheiterns.

christian.heimrich@fnp.de Bericht auf Seite 28

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