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Kramp-Karrenbauer beim politischen Aschermittwoch in Demmin.

Kommentar

Kramp-Karrenbauer: Vom Liebling zur Buhfrau

So schnell kann es in der Politik gehen. Vor einer Woche sprachen nach einem netten Plausch von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Ober-Grünen Robert Habeck noch alle darüber, dass Schwarz-Grün

So schnell kann es in der Politik gehen. Vor einer Woche sprachen nach einem netten Plausch von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Ober-Grünen Robert Habeck noch alle darüber, dass Schwarz-Grün nicht nur in Hessen, sondern auch auf Bundesebene kommen könnte. Sogar noch in dieser Legislatur. Doch damit scheint es nach AKKs Karnevalsauftritt vorbei zu sein. Dass ein Toilettenwitz, der eher auf Männer als auf das dritte Geschlecht zielte, einen lange gehegten politischen Plan zur Makulatur machen könnte, wirkt selbst wie ein Treppenwitz. Aber dass Habeck und viele andere eine Entschuldigung von AKK forderten, hat die CDU-Chefin zu einer Rechtfertigungsrede gezwungen, in der sie im Grunde aggressiver und konservativer argumentierte als sie wirklich ist.

Dr. Dieter Sattler

Nun wird auch ihr Karnevalsscherz auf der linken Seite als Teil einer reaktionären Agenda bewertet. Tatsächlich hat AKK nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie sozialpolitisch zwar links, aber gesellschaftspolitisch eher rechts von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht. Aber selbst die hat vor knapp zwei Jahren im Bundestag gegen die gleichgeschlechtliche Ehe mit Adoptionsrecht gestimmt. Eine solche Haltung kann man als unzeitgemäß ansehen. Aber der Vorwurf, AKK habe die Homo-Ehe mit Inzucht gleichgesetzt, ist eine zeitgeisttypische Verkürzung. AKK hat lediglich korrekt darauf verwiesen, dass auf die Ausdehnung der im Grundgesetz ausdrücklich für Mann und Frau „reservierten“ Ehe auf gleichgeschlechtliche Paare theoretisch weitere Änderungen folgen könnten. Wer das leugnet, denkt ungeschichtlich. Natürlich können sich, wie man ja an der Homo-Ehe sieht, Werturteile ändern. AKK hat aber nie behauptet, dass sie sich Inzest-Ehen vorstellen könne.

Aber weil sie sich jetzt auf der linken Seite unbeliebt gemacht hat, ist auch die SPD auf Distanz gegangen. Dass nur deren Ex-Chef Sigmar Gabriel AKKs „Narrenfreiheit“ verteidigt, zeigt wieder einmal, dass er einer der wenigen Sozialdemokraten ist, die das Ohr am Volk haben. Denn dort nehmen die meisten AKK den Toilettenwitz gar nicht so krumm.

Bei der SPD ist die Aufregung umso heuchlerischer, da sie bekanntlich Friedrich Merz als neuen CDU-Chef gewünscht hätte. Und zwar gerade deshalb, weil er als „rechter“ als AKK eingeschätzt worden war. Dann hätte die SPD wieder ihr Profil schärfen können, indem sie sich ständig über Merz empört hätte. Nun, das können die Sozialdemokraten jetzt auch bei AKK: Aber ob es der SPD hilft, steht auf einem anderen Blatt.

dieter.sattler@fnp.de

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