+
Sprachforscher Roland Kaehlbrandt

Reformation

Von Lästermaul bis Bluthund: Sprachforscher Kaehlbrandt über Luther-Ausdrücke

Voller Poetik und Zauber, voller Klarheit und Prägnanz. So beschreibt der Frankfurter Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt die Sprache in Martin Luthers Bibelübersetzung. Im Gespräch mit unserer Redakteurin Wiebke Rannenberg erläutert er die Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache bis heute und was wir von ihm lernen können.

Martin Luther hat besonders in seiner Übersetzung der Bibel ins Deutsche im Winter 1521/22 viele Worte und Redewendungen geprägt, die wir heute noch benutzen. Haben Sie einen Lieblingsausdruck?

ROLAND KAEHLBRANDT: Ja, Luther hat viele Wendungen geschöpft, zum Beispiel Lästermaul, Schandfleck, Machtwort, Lockvogel, Perlen vor die Säue und mit Engelszungen reden. Auch weniger schöne wie Bluthund und Mördergrube gehören dazu.

Und Ihr Lieblingswort?

KAEHLBRANDT: Wunderschön finde ich wetterwendisch, und auch die Langmut. Luther hat, wie er selbst sagte, dem Volk aufs Maul geschaut. Und er versuchte, in der Übersetzung der Heiligen Schrift nah an der gesprochenen deutschen Sprache zu bleiben – aber ohne, dass er deswegen die Grobheit der Sprache übersetzt hätte. Seine Prägungen haben immer etwas Feierliches, Sakrales und damit Eingängiges. Natürlich kennen wir die Weihnachtsgeschichte, schon aus unserer Kindheit.

Sie meinen den Anfang.

KAEHLBRANDT: Ja: Und es begab sich also zu der Zeit… Das mag ich sehr. Und dabei bewundere ich die Fähigkeit Luthers, in solcher Klarheit, Deutlichkeit und Prägnanz zu formulieren. Und zwar so, dass wir es heute noch lesen und verstehen können. Das ist das Volkstümliche an Luther, das ich bewundere.

Aber sprechen oder schreiben wir heute noch so? Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet werde. Ist das heute eingängig?

KAEHLBRANDT: Es muss nicht alles eingängig sein, was bis heute geblieben ist. Aber es gibt eine gewisse Kontinuität, die wir pflegen, besonders in feierlichen und religiösen Zusammenhängen. Und vor allem muss man auch Luthers poetische Qualität loben. Der berühmte Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zu frischem Wasser. Das ist einfach wunderschön und große Literatur. Das hat einen Zauber bis heute.

Also verbindet die lutherische Sprache das Volkstümliche und das Feierliche?

KAEHLBRANDT: Ja. Und sie hat auch dabei einen gewissen Ernst. Es ist keine vulgäre Sprache, auch wenn er gegen seine Gegner auch durchaus deftige Begriffe gewählt hat wie unverschämte Tröpfe und Rotzlöffel.

Das hört sich ja heute schon harmlos an. Aber in seinen Tischreden zum Beispiel hat er deftiger gesprochen, vom Furzen, in den Arsch schauen und anderem. Und über Juden, Muslime und aufständischen Bauern ist er heftig hergezogen.

KAEHLBRANDT: Da spricht man vom Grobianismus. Und das war natürlich auch die Zeit. Wobei wir heute ja auch Grobianismus erleben, auf ganz andere Weise.

Ist Luther also ein Vorbild für Hassreden in sozialen Netzwerken und auf der Straße?

KAEHLBRANDT: Das muss man in einem anderen Zusammenhang sehen. Luther war ein sehr dringliches Anliegen, die Unmittelbarkeit des Glaubens und das Priestertum der Gläubigen zu befördern. Die Menschen sollten erstmals verstehen, was in der Heiligen Schrift stand! Das hat er ja geschafft, seine Übersetzung hat sich unglaublich schnell verbreitet. Bis zu seinem Tod 1546 sollen bereits 500 000 Exemplare verbreitet worden sein, und das in damaliger Zeit, das ist unglaublich.

Er war ja nicht der Erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzt hat.

KAEHLBRANDT: Aber er war der Erfolgreichste. Und er hat die Normierung der deutschen Sprache in Formulierungen, Wortschatz, Satzbau und Rechtschreibung vorangebracht. Auch das ist eine große sprachschöpferische Leistung. Die deutsche Sprache ist im Widerstand gegen Klerus und Fürstenhöfe von unten, aus der Bevölkerung heraus, geformt worden. Noch hält die enge Verbindung zwischen Sprachgebrauch, Schriftsprache und Bildungsdeutsch, auch wenn wir Mühe haben. In Frankreich verlief die Sprachgeschichte anders. Die Sprache wurde vom Königshof und seiner Sprachakademie, gewissermaßen von oben her, geprägt: zunächst vom Königtum, dann nach der Revolution von der Republik.

Was können wir also heute, nach 500 Jahren, noch von Luther lernen?

KAEHLBRANDT: Die Kunst und den Anspruch, sehr klar zu sein. Im Gegensatz dazu hat aber die Schwerverständlichkeit in Deutschland Tradition, zum Beispiel in den Wissenschaften und heute auch im Imponierdeutsch des Managementjargons. Die Wissenschaft hat über die Jahrhunderte auch ganz undurchdringliche Texte hervorgebracht. Bei Luther muss nicht alles einfach oder schlicht sein, aber es muss klar sein. Luther hat uns gezeigt, wie man aus der Volkssprache heraus anspruchsvollste Inhalte klar und auch mit einer gewissen Poesie und Feierlichkeit eingängig und sprechbar formulieren kann. Da kann sich jeder Redner viel Inspiration holen.

Inspiration auch aus seinen Grobheiten?

KAEHLBRANDT: Die Bedeutung Luthers liegt woanders. Und zugleich war er ja ein Mensch von dieser Welt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare