Zu Besuch in einer Kita: So wurde Hannelore Kraft populär ? als die ?Kümmererin?.
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Zu Besuch in einer Kita: So wurde Hannelore Kraft populär ? als die ?Kümmererin?.

Hannelore Kraft

Die Last des „wunderbaren Amtes“

Fünfzehn Monate vor der nächsten NRW-Landtagswahl hadert Ministerpräsidentin Hannelore Kraft mit ihrem medialen Erscheinungsbild und bringt sich durch Kommunikationspannen selbst in Not.

Von JOHANNES NITSCHMANN

Hannelore Kraft ist erkennbar dünnhäutig geworden. „Politisches Kalkül ist, mich als Ministerpräsidentin zu diskreditieren“, ruft die 54-jährige SPD-Politikerin aufgeregt den Oppositionsfraktionen in der letzten Landtagssitzung zu.

Dabei geht es in der turbulenten Plenardebatte keineswegs um eine Staatsaffäre, sondern lediglich um die Ankündigung der Regierungschefin, „nicht in Fernsehsendungen mit Vertretern der AfD zu gehen“. Nachdem Kraft auf die gewalttätigen Silvesterübergriffe in der Kölner Silvesternacht tagelang öffentlich nicht reagierte, nutzt CDU-Oppositionsführer Armin Laschet die Diskussion über den TV-Boykott, um die Ministerpräsidentin als Tunichts-Politikerin hinzustellen. „In einer solchen Zeit darf man nicht abtauchen, sondern muss stehen, muss transparent sein, muss offen sein“, ruft er.

Offenheit und Transparenz waren Krafts Markenkern, als sie 2010 das bevölkerungsreichste Bundesland für die Sozialdemokratie zurück eroberte. Zwei Jahre später nach ihrer rot-grünen Minderheitsregierung brachte sie der Landes-CDU mit nur 26 Prozent die verheerendste Niederlage ihrer Parteigeschichte bei. Doch die einstmals als „Menschenfischerin“ und „Königin der Marktplätze“ gerühmte SPD-Frontfrau hat nach fünfjähriger Amtszeit sichtlich an Souveränität verloren. Die Opposition versucht ihr das Etikett einer scheuen Duckmäuserin anzukleben.

Kraft selbst scheint überall Fallensteller und Übelkrähen zu wittern, vor allem wohl unter Medienvertretern. Ihr Image als „erste Kümmererin des Landes“ hat in den vergangenen Monaten arg gelitten. In Journalistenkreisen wird über die „Landesmutter a. D.“ gelästert, weil sie sich öffentlich rar gemacht habe und der Landespolitik seit längerem schon keinen persönlichen Stempel mehr aufdrücke.

Diese Stimmung spiegelt sich auch bei den Demoskopen wieder. Nach der jüngsten dimap-Umfrage hat die CDU mit 35 Prozent zwischenzeitlich die Sozialdemokraten (34 Prozent) sogar knapp überholt. Danach hätte die rot-grüne Landesregierung mit insgesamt 44 Prozent keine Mehrheit mehr an Rhein und Ruhr.

Im Mai 2017 wird in Nordrhein-Westfalen ein neues Landesparlament gewählt. Noch kann Kraft gegen ihren mutmaßlichen CDU-Herausforderer Laschet von ihrem kräftigen Amtsbonus zehren. Bei einer Direktwahl würden laut dimap 61 Prozent für die immer noch populäre SPD-Politikerin und nur 21 Prozent für den CDU-Landeschef votieren, der vor allem auf seine Talkshow-Prominenz setzt.

Obwohl die personell ausgezehrten Christdemokraten in NRW für Kraft keine wirkliche Bedrohung darstellen, reagiert Kraft zunehmend nervös und gereizt. Nach einer Serie von Kommunikationspannen schlägt ihr in den Medien offenes Misstrauen entgegen. Die „Bild“-Zeitung hielt der Ministerpräsidentin erst vor wenigen Tagen vor, sie habe die Öffentlichkeit jahrelang an der Nase herumgeführt, dass ihr Gatte tagsüber als „Hausmann“ tätig sei. „Von wegen, Udo Kraft hütet nur das Haus! Jetzt kommt raus: er arbeitet seit Jahren bei der Stadtverwaltung“, schlagzeilte das Boulevardblatt.

Tatsächlich hatte Kraft zuvor niemals Berichte dementiert, dass sich ihr Ehemann Udo für eine Hausmann-Tätigkeit entschieden habe, weil sie als Regierungschefin schließlich deutlich mehr verdiene. Stattdessen gab sie der affigen Schnurre weiter Zucker: „Ich mach gar nichts. Ich bin Pascha. Mein Mann kocht und wäscht“, offenbarte sie launig in einer Talkshow. Nach dem jüngsten „Bild“-Bericht beeilte sich Regierungssprecher Thomas Breustedt klarzustellen, „weder die Ministerpräsidentin, noch ihr Mann noch die Landesregierung“ hätten zu irgendeinem Zeitpunkt die Behauptung aufgestellt, „dass Udo Kraft nicht berufstätig“ sei. Seit dem Jahre 2001 arbeite der Ehemann der Ministerpräsidentin als Elektrotechniker beim kommunalen „Immobilienservice“. Dieses Unternehmen sei zwischenzeitlich dem Dezernat 2 als Amt 26 der SPD-regierten Stadt Mühlheim angegliedert.

Während Breustedt versichert, dass der Kraft-Gatte „immer Vollzeit gearbeitet“ habe, heißt es in einem auf der Internetseite der Staatskanzlei veröffentlichten Porträt der Ministerpräsidentin: „Als Hannelore Kraft Landtagsabgeordnete, Ministerpräsidentin und Vorsitzende der NRW-SPD wird, übernimmt Ehemann Udo, der als Elektroinstallateur etwas kürzer tritt, mehr und mehr den Haushalt. Anders geht es nicht.“

Über Recherche-Anfragen zu solch vermeintlichen Widersprüchen hat sich Kraft mächtig geärgert. „Wollt Ihr mich kaputt machen?“, soll sie kürzlich einen Journalisten in der Landtagskantine angeraunzt haben. Zuletzt verlor sie in einer Runde mit Chefredakteuren angeblich mehrfach die Contenance. Kritische Fragen nach ihren kaum mehr erkennbaren Politikinhalten soll sie ruppig mit den Worten abgeblockt haben: „Wolln Sie dat hier machen?“

Inzwischen hält die Regierungschefin trotzig via medialer Selbstvermarktung dagegen. Mit einem selbstgedrehten „Video-Blog“ will sie auf Youtube zeigen, „was es heißt, Politik zu leben und zu arbeiten“. Dabei nimmt sie die Menschen sogar ins Kanzleramt mit – zu Angela Merkel (CDU). „Diese riesigen Hallen haben hier schon eine etwas einschüchternde Wirkung“, sagt die mächtige SPD-Frau in die Kamera ihres Smartphones und macht einen ruckeligen Schwenk durch die „heiligen Hallen“, wie sie sagt. „Jetzt geht’s in die Runde mit der Bundeskanzlerin. Na ja, mal sehen wie’s läuft.“

Kraft präsentiert sich in ihren Videos als atemlose Akten- und Kilometerfresserin. Rastlos politisch unterwegs. Schon morgens früh um 5.30 Uhr schaut sie in ihrem als mobiles Büro genutzten Dienstwagen mit kleinen Augen, ungeschminkt in die Smartphone-Kamera und seufzt mit tief gezogenen Mundwinkeln über den mörderischen Termin-Marathon. „Politik machen, heißt eben nicht in Talkshows sitzen, sondern hart zu arbeiten, in den Themen sein und sich ‘ne Meinung bilden. Vieles davon im Auto.“

Journalisten hatte Kraft ihre Video-Offensive kryptisch als neues Konkurrenzmedium angekündigt. „Ich bin nicht sicher, ob Ihnen das gefallen wird.“ Das Verhältnis der Ministerpräsidentin zur Landespressekonferenz (LPK), in der 122 Korrespondenten zusammengeschlossen sind, gilt seit Monaten als gespannt. Kraft wirft den Journalisten vor, sie gingen häufig den Parolen der Opposition „auf den Leim“, bildeten sich ihre Meinungen in der Meute und hielten nach Hintergrundgesprächen mit ihr nicht immer dicht.

Kraft geht den Medien gegenwärtig am liebsten aus dem Weg, ganz im Gegensatz zu ihrem krisengestählten Innenminister Ralf Jäger (SPD), der bei politischen Affären und Rücktrittsforderungen des politischen Gegner medial Vollgas fährt und selbst seine größten Kritiker in Hintergrundrunden charmiert. Kraft dreht Selfmade-Videos. Deren Resonanz hält sich mit Klickzahlen unterhalb der 20 000er-Marke jedoch in Grenzen.

Warum das Ganze? Kraft habe lange, als jemand gegolten, der ganz nah dran an den Menschen sei, analysiert der Münsteraner Kommunikationsexperte Frank Marcinkowski, „dann wurde das plötzlich in Zweifel gezogen“. Nun bemühe sie sich mit ihrem von Journalisten als „Daumenkino“ belächelten Videoblock „Nähe und Familiarität“ zu zeigen. Marcinkowsi ist skeptisch, ob die Herzdame der SPD damit den richtigen Weg eingeschlagen hat. In ihren Videos wirke sie getrieben, spule routinehaft ihre Termine ab und erwecke den Eindruck, nicht genügend Zeit für eine gründliche Vorbereitung zu haben. „Ich bezweifle, dass die Leute das hören wollen“, sagt der Experte.

Dabei hatte Kraft ihr Gespür für die Menschen bisher immer ausgezeichnet. Keiner von dem sozialdemokratischen Spitzenpersonal kann so authentisch und herzlich Nähe herstellen wie Kraft. Mit ihrer Präventiv-Kampagne „Kein Kind zurücklassen“ konnte sie als fürsorgliche Landesmutter genauso punkten wie als einfühlsame Trösterin nach der Loveparade-Katastrophe oder dem Absturz einer Halterner Schulklasse mit einer Germanwings-Maschine über den Alpen.

In der SPD-Bundespartei gehört Kraft immer noch zu den wenigen Fixsternen. Trotz ihrer bereits 2014 getätigten Absage („Ich werde nie, nie als Kanzlerkandidatin antreten“), erhielt sie auf dem Bundesparteitag im vergangen Dezember als SPD-Vize mit 91,4 Prozent ein starkes Vertrauensvotum. Aber in Düsseldorf sinkt ihr Stern schon seit über einem Jahr. Die von ihr verordneten zwei Nullrunden für besserverdienende Beamte wurden ihr vom Verfassungsgericht gekippt. Gleichzeitig geriet ihre Einsparsymbolik, an Staatsgäste nur noch Leitungswasser auszuschenken, zu einem Image-Gau. Das starke Industrieland stand wie ein Insolvenzfall dar.

Solche Kommunikationspannen häuften sich. Krafts Digital-Offensive „MegaBits. MegaHerz. MegaStark.“ geriet wegen der aufgesetzten Hipster-Sprache in den Augen vieler Kommentatoren zu einer „megapeinlichen Posse“. Seither ist von der Initiative nicht mehr viel zu hören. Krafts jüngste Kabinettsumbildung mit drei neuen Ministern im Herbst vergangen Jahres hat bisher kaum Wirkung gezeigt. „Die Leisen aus dem Sorgenland“, charakterisierte der „Kölner Stadtanzeiger“ die unauffälligen Newcomer.

Immer wieder werden der Ministerpräsidentin Resignation und Amtsmüdigkeit nachgesagt. In den ersten drei Teilen ihres gehetzten Videoblogs hat sich dieser Eindruck noch verstärkt. Nachdem dies offenbar auch engen Beratern aufgefallen ist, schlägt Kraft ab dem vierten Teil einen weniger larmoyanten Ton an. Sie habe ein „wunderbares Amt“, schwärmt die Ministerpräsidentin. Es gebe überhaupt keine schönere Tätigkeit, die sie sich vorstellen könne. „Auch wenn ich manchmal tief verzweifelt bin.“

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