Ein letztes Mal in Berlin, diesmal ohne Fans und ohne Jubel

  • Cornelie Barthelme
    vonCornelie Barthelme
    schließen

Welcher Kontrast! Als Barack Obama zum ersten Mal nach Berlin kam, war Sommer, und der junge, smarte, lässige Kerl aus Chicago verwandelte die Straßen rund um die Siegessäule in eine riesige Open-Air-Party.

Welcher Kontrast! Als Barack Obama zum ersten Mal nach Berlin kam, war Sommer, und der junge, smarte, lässige Kerl aus Chicago verwandelte die Straßen rund um die Siegessäule in eine riesige Open-Air-Party. 200 000 wollten sehen, wer da auf dem Weg ins Weiße Haus war – oder wenigstens hören, was er zu sagen hatte. Und, das war vielleicht das Wichtigste: Sie wollten ihm glauben.

Dass „der Kampf um die Freiheit“ Amerikaner und Deutsche für immer verbinde. Und dass sie, gemeinsam, „die Welt neu gestalten“ könnten. Berlin wiegte sich im Sound von „Yes we can“ „Ja, wir schaffen das“) – dem ebenso schlichten wie genialen Slogan der Kampagne. Und als die Amerikaner vier Monate später Obama tatsächlich von Illinois nach Washington schickten – da hatte er möglicherweise in Berlin seine allerbegeistertsten Fans.

Nun ist Herbst, nicht nur, was Jahres- und Amtszeit angeht. Berlin liegt unter und in nassem Grau – auch weltzustandsstimmungsmäßig. Obama ist auf Abschiedsbesuch, und auch wenn er erst 55 ist: Es geht ihm um sein Vermächtnis. Den Wert der Demokratie hat er am Vortag in Athen beschworen, in einer – noch einmal – großen Rede. Er hat darin die egoistischen Eliten ermahnt und die autoritären Führer in Demokratien, die sich nur so nennen. Er hat vor den erstarkenden Populisten gewarnt. Und über seinen Nachfolger gesagt: „Die amerikanische Demokratie ist größer als ein einzelner Präsident.“ Und auch das ist ja nur aufs erste Hören allein ein Tadel, aufs zweite indes genauso gut eine Verheißung.

Bittere Erfahrung

Er selbst hat dieses Größer-als-der-Präsident auch lernen müssen – durchaus bitter. Er hat 2009 ein verwundetes, kriegsmüdes, gespaltenes Land übernommen. Er hat, wie Bill Clintons einstiger Arbeitsminister Robert B. Reich, jetzt Politologie-Professor in Berkeley, sagt, „sehr mutig“ gearbeitet und, sagt Reich, sei „moralisch integer wie kein anderer Präsident in der jüngeren Geschichte“. Und doch fühlt sich das Land, das er nun Donald Trump überlässt – aus seiner Sicht: überlassen muss – immer noch verwundet und kriegsmüde und gespalten.

Auch in Europa kursiert das Hadern. Guantánamo gibt es noch immer, auch weiter Atomwaffen, trotz des Verschrottungs-Abkommens mit Wladimir Putin und dem Vertrag mit dem Iran. Und selbstverständlich Spione und Geheimdienste, die im Zweifelsfall die deutsche Kanzlerin bespitzeln wie jeden Terrorverdächtigen. Aber vielleicht brauchen die Europäer und speziell die Deutschen wirklich erst die Aussicht auf eine Zusammenarbeit mit Donald Trump, um sich zu fragen, ob nicht die Hoffnung, ganz grundsätzlich, der Beklemmung vorzuziehen ist.

Selbst die grundnüchterne Angela Merkel hat das ihr so fremde Pathos mindestens akzeptieren gelernt, vielleicht sogar den in funkelnde Rhetorik gefassten Optimismus ein wenig schätzen. Dass umgekehrt Obama auf ihre Haltung setzt – und also auf ein mehr nerven- als waffenstarkes Deutschland als den, aktuell, Garanten des transatlantischen Bündnisses: Welchen besseren Beweis als den Abschiedsbesuch in Berlin kann es geben?

Am Abend kann die Nation sich im Fernsehen einen mittelschweren Lobpreis anhören, Präsident über Kanzlerin, er empfiehlt, „die Deutschen sollten sie wertschätzen“. Am Nachmittag parken die „beasts“, die Biester genannten schwerstgepanzerten Präsidentenlimousinen im Innenhof des Kanzleramts. Jubel hat es diesmal keinen gegeben, auch kaum Fans, hier fängt ja nichts an, hier endet etwas.

Letzter Pressetermin

Das wird, nach wohl intensiven Gesprächen, denn sie dauern gut eine halbe Stunde länger als geplant, beim allerletzten gemeinsamen Pressetermin sehr deutlich; deutlicher als es Obama gefallen kann. Er nennt sie „herausragend“, er sagt, falls sie noch einmal antreten sollte und er Deutscher wäre und wählen dürfte – „ich wäre ihr Anhänger“. Und dann soll sie etwas sagen zu ihm, seiner Art, seiner Präsidentschaft, ihrer Zusammenarbeit. Und es endet, zumindest öffentlich, mit den beiden, wie es begann. „Jetzt fällt mir der Abschied schwer – klar“, hebt Merkel an. „Aber wir sind auch alle Politiker – und Demokratie bedeutet Wechsel.“ Kein verbindliches Wort, keine Freundlichkeit – zumindest nicht auf offener Bühne, die Obama noch einmal mit einem Loblied auf die Demokratie meisterlich bespielt hat.

„She’s tough“, sagt der Präsident am Ende über die Kanzlerin. Das heißt, dass sie robust ist und zäh. Aber dass sie hart ist, das heißt es auch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare