Ein Arbeitsschiff bringt Monteure zu Windrädern, die in der Ostsee zwischen den Inseln Rügen und Bornholm (Dänemark) stehen.
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Ein Arbeitsschiff bringt Monteure zu Windrädern, die in der Ostsee zwischen den Inseln Rügen und Bornholm (Dänemark) stehen. (Archiv)

Pläne im Osten der EU

Klima-Ziele - und endlich vom Sowjet-Tropf loskommen: Warum die Ostsee-Staaten auf Wind setzen

  • VonAleksandra Fedorska
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Mit einem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie bemühen sich Polen und die baltischen Staaten um die Erreichung ihrer Klimaziele - und um mehr Unabhängigkeit von Russland.

  • Polen* und die baltischen Staaten wollen das Offshore-Potenzial der Ostsee nutzen.
  • Der Windstrom könnte zukünftig einen erheblichen Anteil an der Energieproduktion dieser Länder haben.
  • Das könnte nicht nur beim Erreichen der Klimaziele helfen - auch Energieunternehmen hoffen auf eine Zukunftschance.

Warschau - Für die Länder, die bisher auf fossile Energiequellen, wie Kohle und Ölschiefer, gesetzt haben, ist das Erreichen der Klimaziele ein besonderes Problem. Zum Beispiel für die Länder im Baltikum. Sie stehen auch noch vor einer weiteren Herausforderung: Sie wollen die Stromversorgung über das europäische Netz sicherstellen, um Abhängigkeiten von Russland* und Belarus zu vermeiden.

Die gute Nachrichten für die Länder am Süd- und Ostrand der Ostsee: Alle diese Zielsetzungen lassen sich mit dem Ausbau der Offshore-Windkraft im angrenzenden Meer gut kombinieren. Die Dominanz von fossilen Brennstoffen, wie Kohle (Polen), Gas und dem extrem emissionsreichen Ölschiefer (Estland) soll nun durch den verstärkten Ausbau der Offshore-Windenergie aufgebrochen werden.

Polen: Windkraft soll‘s richten: Offshore-Pläne entlang der Ostseeküste

In Polen* ist angesichts der natürlichen Windbedingungen die Windkraft an Land weniger erfolgsversprechend als Offshorewindkraftanlagen auf der Ostsee. Mit der Vergabe von Konzessionen für Offshore-Windparks und ihrer Anbindung an das Stromnetz hat das Land bereits begonnen.

Die Pläne der polnischen Regierung sehen bis 2030 weitere Projekte vor, deren Leistung knapp 11 Gigawatt (GW) betragen soll. Bis 2050 sollen es sogar 28 GW sein. Die Balten sehen in der Offshore-Windkraft eine Lösung für ihre Klimapolitik. Das litauische Energieministerium schätzt das Potenzial auf mittelfristig 700 MW ein. Mit dieser Leistung könnten bis zu 3 Terawattstunden (TWh) jährlich erzeugt werden - was einem Viertel des Stromjahresverbrauchs in Litauen entspricht. Bis zum Jahr 2050 könnte Litauen sogar auf eine Leistung von über 15 GW an Offshorewindleistung kommen. Die lettische und estnische Regierung haben sich auf eine enge Zusammenarbeit beim Ausbau der Offshorekapazitäten geeinigt. Geplant sind bis zu 1 GW Leistung. Damit könnten künftig bis zu 20 Prozent des Strombedarfs in Lettland und Estland gewährleistet werden.

„Wir stehen am Anfang einer langen und herausfordernden Reise, bei der zwei gute Nachbarn ihr Know-how, ihre Ressourcen und ihr Engagement effizient bündeln, um die grenzüberschreitende Konnektivität zu verbessern und die Versorgungssicherheit für das Baltikum zu erhöhen. Darüber hinaus ist es zweifellos ein weiterer wichtiger Schritt, um die Ziele der europäischen grünen Politik zu erreichen”, sagte der estnische Minister für Wirtschaft und Infrastruktur Taavi Aas der Baltic Times.

Die Vorteile des Windstroms betonte auch sein lettischer Kollege Janis Vitenbergs, der das lettische Wirtschaftsministerium leitet. Laut Vitenbergs ist die Offshorewindstromproduktion gerade jetzt besonders wichtig, da die Preise für fossile Kraftstoffe sehr stark angestiegen sind.

Strom und Weltpolitik: Balten wollen nicht mehr vom sowjetischen BRELL-System abhängig sein

Beim Thema Strom ist gerade für die baltischen Länder eine endgültige Unabhängigkeit ersterreicht, wenn das Netzverbindungssystem BRELL aus der Sowjetzeit vollständig gekappt ist. Während Polen in die EU-Netze integriert ist, müssen die Balten erst noch zusätzliche Stromleitungen bauen, um sich an das europäische System zu binden. Mitte des Jahres 2019 hat Litauen gemeinsam mit der Europäischen Union beschlossen, wie die Trennung vom BRELL-System erfolgen soll.

Die Kosten der dafür nötigen Leitungen werden bis zu 1,6 Milliarden Euro betragen. Im Fokus stehen sowohl die innerbaltischen Verbindungen als auch die Anbindung an die EU, die über den Bau des zweiten Interkonnektors „Harmony Link“ zwischen Polen und Litauen* realisiert werden soll. Nach der Fertigstellung von Harmony Link werden die baltischen Staaten insgesamt über drei Interkonnektoren mit der EU verbunden sein. Die baltischen Staaten werden voraussichtlich ab 2025 ihre Stromversorgung vollständig ohne BRELL realisieren.

Polen und das Baltikum: Staatliche Energiekonzerne retten sich ins Offshore

Ein wichtiges Element der polnischen und baltischen Energiepolitik: das Streben nach Energiesicherheit. Die ist durch die heimische Stromproduktion am ehesten realisierbar. Energiekonzerne aus den Ländern engagieren sich deshalb besonders stark im Ausbau der Nutzung von Offshorewindkraftanlagen. Hinzu kommt, dass die in der Regel riesigen Energieunternehmen ansonsten kaum noch kostengünstig Energie produzieren können. Sie besitzen einen Großteil der Kraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Für die polnische PGE (Polska Grupa Energetyczna) sind Offshorewindinvestitionen fast schon eine Frage des Überlebens geworden. Die PGE, die die meisten Kohlekraftwerke in Polen betreibt, sieht ihre Zukunft im Bereich der erneuerbaren Energien.

„Wir konzentrieren uns auf erneuerbare Energien, wir wollen, dass dieses Segment in der PGE-Gruppe nach der Trennung von den Kohleaktiva und der Umsetzung von Offshore-Projekten dominierend wird. Das Projekt zur Entwicklung der Offshore-Windenergie wird ein Instrument sein, um Null-Emissionen zu erreichen. Neben Offshore-Windmühlen wollen wir Photovoltaik und Onshore-Windenergie entwickeln”, sagte der Vorstandsvorsitzende der PGE Wojciech Dąbrowski den polnischen Medien.

Ähnlich ergeht es dem estnischen Energiekonzern Eesti Energia AS, der eng mit der Energieressource Ölschiefer verbunden ist. Das Unternehmen muss ebenso wie das polnische Pendant dringend in emissionslose Energiequellen investieren, da die Kosten für die Emissionen die Einnahmen bald übersteigen könnten. Um sich von diesen Altlasten trennen zu können, verstärken diese Konzerne ihre Bemühungen und investieren in Offshorewindenergie. Eesti Energia AS ist mit seiner Tochterfirma Enefit Green maßgeblich an dem estnisch-lettischen Offshorewindvorhaben beteiligt. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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