Erfahrungsbericht

Lorenz Narku Laing über Alltagsrassismus in Deutschland

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Scheiß Ausländer“ oder „Islamneger“ bekommt Lorenz Narku Laing immer wieder zu hören. Mit dem Internet kommt der Hass auch ins Wohnzimmer.

„Schieße Tore, sei kein Politiker“ – Diese Aussage werfen nun einige Kommentatoren Kevin-Prince Boateng entgegen. Aber im Gegenteil, verdient er unsere Unterstützung im Kampf gegen Rassismus. Er hat sich entschieden, nicht weiter einfach nur Fußball zu spielen. Damit folgt er nicht dem Beispiel vieler Bundesligaprofis, die für horrende Gehälter Tore schießen, sich aber über gesellschaftliche Missstände ausschweigen. Stattdessen spricht er offen ein alltägliches Problem an.

Persönlich kann ich mich an keinen Monat ohne eine rassistische Beleidigung oder Anspielung erinnern. Manchmal kommt es sehr banal daher. Menschen teilen mir mit, sie seien überrascht einen schwarzen Menschen an einer Universität unterrichten zu sehen. Allerdings kommt es auch immer öfter zu heftigen Verletzungen. In Frankfurt wurde ich einer vollen Straßenbahn beleidigt, in München in einer S-Bahn aufgefordert das Land zu verlassen oder in Friedrichshafen auf dem Heimweg bespuckt.

All diese Vorfälle haben eine Verbindung: Rassismus. Beleidigungen wie „Scheiß Ausländer“, „du afrikanischer Affe“ oder „du Islamneger“ sind Teil dieser schmerzlichen Erinnerungen. Und mit dem Internet und den Sozialen Medien kommt der Hass nun auch in mein Wohnzimmer. Als Trainer engagiere ich mich im American Football und aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass der Fußball nicht alleine dasteht mit diesem Problem. Bei einem Training für die Jugendnationalmannschaft fragten mich Mitspieler, ob Schwarze überhaupt für die deutsche Nationalmannschaft spielen dürften. In einem meiner alten Vereine traute ein Trainer einem Spieler eine Position nicht zu, weil es „für Menschen, wie euch, zu kompliziert sei“. Weiterhin berichteten mir in den letzten Jahren schwarze Sportler von ähnlichen Vorfällen am Schwimmbecken, auf der Tartanbahn oder im Pferdestall.

Es ist so widersprüchlich: Mit Jeromé Boateng wurde ein Schwarzer Deutscher Weltmeister, der junge Dennis Schöder vertritt Deutschland in der besten Basketball-Liga der Welt und Steffi Jones ist eine Legende des Frauenfußballs. Heute streifen sich viele schwarze Menschen unser Nationaltrikot über, aber für manche gehören sie dennoch nicht zu einem modernen Deutschland dazu. Sie seien keine Deutschen, sondern Affen. Keine Vorbilder, sondern unerwünschte Nachbarn. Nicht unser Stolz, sondern ein Migrationsproblem.

Der aktuelle Aufstieg von Rechtspopulisten und die steigende Zahl rassistischer Straftaten sprechen eine klare Sprache. Es gibt Rassismus in unserer Gesellschaft und er wird nicht von selbst wieder verschwinden. Der Hass auf vermeintlich Fremde ist Produkt einer langen Entwicklung und hat sich als sehr widerstandsfähig erwiesen. Selbstverständlich gab es gesellschaftlichen Fortschritt, aber noch immer verletzt Rassenhass Menschen.

Einst saß ich nach einem Tag voller rassistischer Beleidigungen als kleiner Junge weinend vor dem Fernseher. Boateng und seine klaren Worte hatten mich beruhigt, denn er spricht mir aus der Seele. Daher sollten Spieler, Vereine und Verbände dem Vorbild von Eintracht-Frankfurt-Präsident Fischer, Boris Becker und Kevin-Prince Boateng folgen. Alle werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht. Sie machen jungen Freizeitkickern mit Bezügen zur Türkei, Ghana oder nach Marokko deutlich: Ihr müsst euch das nicht gefallen lassen. Sie kämpfen für ein faires Miteinander und einen entspannten Tag am Fußballplatz. Für alle – egal wo ihre Vorfahren herkommen.

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