Der Mann, der vom Himmel fiel

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Er stülpte sich im Laufe seiner Karriere so viele Masken über und spielte so viele verschiedene Rollen, dass man nicht mehr fragte, wer David Bowie ist.

Er stülpte sich im Laufe seiner Karriere so viele Masken über und spielte so viele verschiedene Rollen, dass man nicht mehr fragte, wer David Bowie ist. Man wollte wissen: Welche Rolle wird er wohl als nächstes spielen? Bowie war ein Meister der Verwandlung. Immer wieder schneiderte er sich neue Lebensentwürfe, wühlte sich durch neue musikalische Stile und stellte sich gegen alle Erwartungen. Am Sonntag ist David Bowie in New York gestorben, im Alter von 69 Jahren. Auch das hatte niemand erwartet.

Ende der Sechziger drängte Bowie zunächst mit seichten Folksongs, bald mit greller Schminke auf die große Bühne. Er war „Ziggy Stardust“, er war „Major Tom“, er war der „Thin White Duke“. Und während die „Beatles“ oder die „Rolling Stones“ die Echtheit der Musikerpersönlichkeit auf der Bühne und im Studio propagierten, da führte Bowie die Kunstfigur in die Popwelt ein. Bowie war nicht identitätsstiftend, er war nicht real, er war ein Wesen von einem fernen Planeten – er war der „Starman“, mit sattem Lippenstift und blauem Lidschatten.

Und dann diese Songs: Unwiderstehlich und niemals zu fassen. Bowie bediente sich am elektrischen Folk von Bob Dylan, er erfand gemeinsam mit Marc Bolan den Glam-Rock, mischte mit Iggy Pop das geteilte Berlin auf, bald schon suchte er die Nähe zu den Elektro-Pionieren von „Kraftwerk“. Nebenbei schüttelte Bowie dutzende Stadion-Rock-Songs aus dem Ärmel. Dabei entstanden Melodien für die Ewigkeit. Zuletzt, und da war der Krebs wohl schon längst in seinen Körper eingezogen, entdeckte Bowie den Jazz für sich.

Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass es einen solchen Musiker, einen solch schillernden Künstler in der Popmusik nicht mehr geben wird. Das liegt nicht nur daran, dass die Popmusik durch kräftige Mithilfe von Bowie ziemlich ausgekundschaftet ist – es liegt auch daran, dass sich der Musikkonsum seit der Erfindung des Internets sehr verändert hat. Komplexe und überbordende Konzeptalben, wie etwa „Tommy“ von „The Who“ oder „Outside“ von Bowie, gibt es immer seltener. Die Menschen laden einzelne Songs auf ihre Festplatten und Handys, die Idee des thematisch und musikalisch durchkomponierten Albums ist in den Hintergrund gerückt.

Mit Bowie ist einer der letzten großen musikalischen Gradmesser, einer der letzten großen Rockstars gestorben: Da ist keiner mehr, der Erwartungen von Hörern so eigenwillig ins Leere laufen lässt. Da ist niemand mehr, der solch großen Spaß am Identitätsspiel hat. Da ist niemand mehr, der einer Epoche seinen Stempel aufdrücken kann. Es fehlt die Geduld der Musiklabels, es fehlt der Mut der Künstler, es fehlt vielleicht auch die Ausdauer der Hörer. Auch das darf man durchaus bedauern. Die Bedeutung von David Bowie für die Popmusik ist kaum zu ermessen. Und sein Platz nicht zu ersetzen. Adieu, David! Kultur Seite 1

Christian.Preusser@fnp.de

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