1. Startseite
  2. Politik

Lauterbach erklärt nach RKI-Modellierung Höhepunkt der Omikron-Welle und spricht von deutschem Sonderproblem

Erstellt:

Kommentare

Die Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF).
Die Talkrunde bei „Markus Lanz“ (ZDF). © ZDF ( Screenshot)

Karl Lauterbach stellt bei „Markus Lanz“ ein Ende allgemeiner PCR-Tests in Aussicht, sieht aber in der Impfpflicht den Ausweg aus dem „Schlamassel“.

Hamburg - Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist zurück bei „Markus Lanz“, zumindest per Video. Aus dem regnerischen Berlin zugeschaltet, berichtet er von der Leinwand, dass die PCR-Testkapazitäten angesichts der Omikron-Ausbreitung knapp werden: „Wir werden das nicht durchhalten können. Wir werden so hohe Fallzahlen bekommen, dass wir die PCRs priorisieren müssen. Dafür werde ich am Wochenende einen Vorschlag vorlegen, wie das passieren soll. Also, wer den PCR-Test bekommt und wo wir den PCR-Test nicht mehr einsetzen. Das werden wir bei der Ministerpräsidentenkonferenz am Montag beschließen.“

„Wer kriegt dann in Zukunft noch einen PCR-Test?“, erkundigt sich Talkmaster Lanz* und bringt einen Begriff aus der pandemischen Anfangszeit ins Spiel: „Die Systemrelevanten?“ Lauterbach sagt, er wolle das nicht einzeln „ausrollen, aber ganz klar ist, dass hier die Krankenhausbeschäftigten, die Pflegebeschäftigten, die Menschen in der Behindertenpflege, dass die besonders berücksichtigt werden müssen“.

Omikron in Deutschland: Gesundheitsminister Lauterbach rechnet bei „Markus Lanz“ mit Höhepunkt der Welle „Mitte Februar“

„Wie stark wird die Welle werden?“, möchte Gastgeber Lanz im Anschluss von Lauterbach* wissen. Der berichtet von neuesten Modellierungen, die er beim Robert Koch-Institut in Auftrag gegeben habe: „Wenn man die realistischen Szenarien sich anschaut – es ist nicht gesagt, dass die dann kommen, aber die haben die größte Wahrscheinlichkeit – dann würde ich davon ausgehen, dass die Welle Mitte Februar ungefähr ihren Höhepunkt haben wird und dass wir dann auf dem Höhepunkt der Welle mehrere Hunderttausend Fälle erwarten müssen.“

„Wir haben sehr, sehr hohe Infektionszahlen, steigende Zahlen, fast explodierende Infektionszahlen. Und trotzdem eine stabile Situation in den Krankenhäusern“, verweist Lanz auf den aktuell niedrigen Hospitalisierungswert. „Das ist aber eine nicht relevante, oder anders ausgedrückt, irrelevante Momentaufnahme“, entgegnet Lauterbach und führt aus, „die Welle läuft ja gerade erst an. Wir haben ja Begrenzungen, die wirken. Also werden wir die richtig starke Welle, die in England oder in Frankreich jetzt schon läuft, 500.000 und mehr Infektionen am Tag – also diese Welle wird ja in Deutschland noch kommen.“

Gesundheitsminister Karl Lauterbach macht Markus Lanz Hoffnung: „Das sind ja nur noch Delta-Fälle, die jetzt hoffentlich bald gesunden“

Dazu käme, erklärt Lauterbach weiter, „das Sonderproblem, dass es die große Gruppe der älteren Ungeimpften trifft“. Er sieht die Gefahr einer Überbelastung der Intensivstationen von dieser Gruppe ausgehen. „Damit rechne ich aber nicht jetzt“, fügt der Gesundheitsminister allerdings an und begründet: „Bisher sind ja nur sehr wenige infiziert mit Omikron und das sind auch noch die jüngeren Altersgruppen. Die richtige Belastung in den Intensivstationen, die würde ich Mitte, Ende Februar erwarten.“

Aktuell seien in den Krankenhäusern vor allem Patienten mit vorherigen Varianten, von einer schwungvollen Geste untermalt, sagt Lauterbach: „Das sind ja fast nur noch die Delta-Fälle, die jetzt hoffentlich bald gesunden.“ Während Lauterbach spricht, hellt sich Lanz‘ Miene auf: „Diese Handbewegung, die Sie machen bei ‚Delta‘, die macht mir Hoffnung. Weil die sagt im Grunde, dass das Ding verschwindet.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 19. Januar:

Im Anschluss erneuert Lauterbach sein Plädoyer für eine allgemeine Impfpflicht: „Eine Impfpflicht ist unbedingt notwendig, wenn wir dieses Problem ein für alle Mal erledigt wissen wollen im Herbst. Ich möchte einfach nicht in eine Situation kommen, wo wir im Herbst erneut darüber nachdenken müssen: Müssen wir Lockdown-Maßnahmen ergreifen? Müssen Kinder in den Hybrid-Unterricht? Können bestimmte Geschäfte nicht mehr betrieben werden?“ Mit seiner Geduld für Menschen, die eine Impfung ablehnen, scheint der Gesundheitsminister am Ende: „Wir schützen die Ungeimpften. Jetzt ist der Zeitpunkt da, wo auch die Ungeimpften mal ihren Beitrag leisten müssen und das ist aus meiner Sicht die Impfpflicht. Sie sollte aus meiner Sicht so schnell wie möglich beschlossen werden, sodass sie im Herbst schon voll wirken kann.”

„Warum legen Sie dann als Koalition nicht einen klaren Gesetzesentwurf vor?“, versucht Lanz bei Lauterbach zu bohren und den Finger in die Wunde zu legen: „Warum sagt Ihr eigener Kanzler und ‚fällt Ihnen in den Rücken‘ will ich nicht sagen, aber lässt Sie zumindest in einem angedeuteten Regen stehen und trennt sauber zwischen seinem Status als Abgeordneter und Bundeskanzler?“ Der Gastgeber redet sich in Stimmung: „Ich krieg‘ das in meinem Kopf nicht zusammen. Man kann doch nicht sagen: Wenn ihr jetzt Olaf Scholz* im Fernsehen sieht, ist es der Abgeordnete und am nächsten Tag ist es wieder der Kanzler. So viel Schizophrenie kann nicht sein.“

Impfpflicht-Debatte bei „Markus Lanz“: Verspielt Karl Lauterbach sein Vertrauen?

„Das ist keine Schizophrenie“, antwortet Lauterbach und führt umständlich aus, warum aus seiner Sicht bei ethischen Fragen wie der Impfpflicht eine Gewissensentscheidung der Parlamentarier der angemessene Weg sei. Das Fazit des Gesundheitsministers: „Der Schiedsrichter kann nicht mitspielen.“ Mit Lauterbachs Ausführungen hat der Extremismus-Forscher Matthias Quent seine Mühe: „Ich verstehe die Argumentation formal, ich halte sie aber für sehr schwer vermittelbar.“ Talkmaster Lanz greift diesen Faden auf: „Seit zwei Jahren vertrauen die Leute Ihnen, Sie waren häufig in der Sendung. Wir haben uns häufig darüber ausgetauscht.“

„Und am Ende war immer das Ergebnis“, fährt Lanz fort, „da ist einer, der das Handwerk versteht, der genau weiß, was zu tun ist. Und jetzt sagen Sie, obwohl Ihnen dieses große Vertrauen entgegengebracht wird: Ich verhalte mich neutral. Das ist das Gegenteil von Führung.“ Lauterbach antwortet knapp und nüchtern: „Das ist ja nicht richtig. Ich bin ja nicht neutral, wofür ich stehe. Ich habe ja gerade nochmal die Begründung für die Impfpflicht vorgetragen.“ Sein Standpunkt: „Bei wichtigen Ethikfragen ist wichtig, dass das keine Parteipolitik ist.“

Corona-Maßnahmen lockern? Karl Lauterbach bei „Markus Lanz“: „An diesem Punkt sind wir noch nicht“

Dass Lanz der Regierung „Angst vor den eigenen Reihen und davor, die Kanzlermehrheit zu verlieren“ unterstellt, ignoriert Lauterbach. Stattdessen warnt er vor einer Überlastung des Gesundheitssystems, falls weitere Mutanten auf eine große Impflücke treffen: „Wir müssen damit rechnen, dass es sogenannte rekombinierte Varianten geben könnte, wo man quasi die Ansteckungsgefahr einer Omikron-Variante mit der Gefährlichkeit einer Delta-Variante oder ähnlichen Varianten kombiniert sieht.“

„Christian Drosten wird positiver und sagt ‚Wir müssen das Virus laufen lassen‘“, stellt Markus Lanz fest und sieht dadurch ein Problem in der politischen Kommunikation auf die Bevölkerung zukommen. „Christian Drosten hat es ja im Tagesspiegel-Interview so beschrieben“, entgegnet Lauterbach, „wir können uns mehr leisten, machen einen Spalt auf, wenn wir eine ausreichende Impfung erreicht haben, wenn der Impfschutz in der Bevölkerung hoch genug ist. Und das sehe ich ja ganz genau so.“ Leider sei das jedoch noch nicht der Fall, befindet Lauterbach: „Wir sind ja nicht an dem Punkt, das sagt auch nicht Christian Drosten.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“*-Runde lauscht in der ersten Hälfte der Sendung dem Interview des Gastgebers Markus Lanz mit dem per Video zugeschalteten Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Dabei erklärt der Gesundheitsexperte der SPD nicht nur, dass die PCR-Testkapazitäten zur Neige gehen, sondern gibt auch eine Prognose für den Höhepunkt der Omikron-Welle ab. Demnach könnte Anfang März das Schlimmste überstanden sein.

In der zweiten Hälfte der Sendung blicken die Gäste Richtung Sachsen, die Journalistin Franziska Klemenz und der Extremismus-Forscher Matthias Quent liefern die Analysen. Die deutschlandweit bekannt gewordenen Politikerin Petra Köpping (SPD), vor deren Haus Anfang Dezember ein Fackelzug von Corona*-Maßnahmengegnern aufgelaufen war, schildert die Erlebnisse dieses Abends. Die sächsische Gesundheitsministerin berichtet emotional vom schnellen Eintreffen der Polizei und dem in den Folgetagen überwältigenden Zuspruch: „Das hat mir auch Mut gemacht.“ (Hermann Racke)

Auch interessant

Kommentare