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Jérôme Boateng bei der WM 2014

Gaulands Äußerung zu Boateng

Der Medien-Profi hat es „nicht so gemeint“

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Erst kommt die Provokation, dann die Unschuldsmiene: Wenn Petry, Gauland & Compagnie reden, soll man sie offenbar nicht wirklich ernst nehmen. Seltsamerweise tut das aber die halbe Republik, mindestens. Und regt sich auf – statt mal kühl nachzufragen.

Für AfD-Vordenker Marc Jongen dürfte der Sonntag ein guter Tag gewesen sein. Die seriöseste unter den drei großen Sonntagszeitungen der Republik, die „Frankfurter Allgemeine“ (FAS), meldet auf Seite 1 „Gauland beleidigt Boateng“. Der Artikel ist, was Journalisten den Aufmacher nennen: der wichtigste Text, die stärkste Nachricht. Der „Aufmacher 1“ ist also die Meldung des Tages.

Nicht nur für die „FAS“, wie sich rasch erweist. Vom Vizekanzler über den Bundesinnenminister und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung bis zu den führenden Vertretern von Grünen und Linken reicht die Empörung über das, was Gauland laut „FAS“ über den Nationalspieler gesagt hat: „Die Leute finden ihn als Fußballer gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Der neue DFB-Chef zürnt: „einfach geschmacklos“, im Internet tobt unter dem Hashtag #Nachbarn ein mittlerer Shitstorm, am Montag schließlich lässt auch die Kanzlerin den Regierungssprecher ausrichten, dies sei „ein niederträchtiger und trauriger Satz“.

Nur: Alexander Gauland will ihn gar nicht gesagt haben. Oder zumindest nicht so gemeint.

Kurz vor 11 am Sonntagvormittag lässt Gauland eine Stellungnahme mailen: „Ich habe nie, wie die FAS insinuiert, Herrn Boateng beleidigt.“ Er habe in einem vertraulichen Hintergrundgespräch „die Einstellung mancher Menschen beschrieben, aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert“. Am Abend sagt Gauland der „Tagesschau“: „Ich habe nur deutlich gemacht, und dabei mag der Name Boateng gefallen sein, möglicherweise von den FAZ-Kollegen, denn ich kenne mich im Fußball gar nicht aus, dass es viele Menschen gibt, die halt Fremde in ihrer Nachbarschaft nicht für ideal halten.“

Knapp zwölf Stunden zuvor, also auch noch vor Gaulands Mail, hat Frauke Petry, Sprecherin der AfD – Gauland ist in der nominalen Parteihierarchie ihr Stellvertreter – getwittert: „Jérôme Boateng ist ein Klasse-Fußballer und zu Recht Teil der deutschen Nationalmannschaft. Ich freue mich auf die EM.“ Das klingt nicht nur wie eine Ohrfeige für Gauland; es soll auch eine sein. Kein Wort allerdings schreibt Petry zum eigentlichen Thema: Ist es wahr – und falls ja: ist es gut –, dass Deutsche nicht neben Menschen mit anderer Hautfarbe wohnen wollen?

Partei-intern ist ihr Tweet eine kleine Rache. Gauland hat Petry vergangene Woche dafür kritisiert, dass sie das Gespräch abbrach, zu dem der Zentralrat der Muslime die AfD eingeladen hatte. Extern aber ist von größerer Bedeutung, dass Petry der „Bild“-Zeitung sagt, „ich entschuldige mich... bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist“.

Das ist nicht nur eine große, öffentliche Rache. Es ist auch das gewohnte Muster. Ein Spitzenpolitiker der AfD äußert sich mindestens zugespitzt – und der Aufruhr, der unweigerlich folgt, wird mit Unverständnis quittiert. Man werde missinterpretiert, missverstanden, man habe das gar nicht so gemeint...

Die Beispiele sind zahlreich: der Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge; der Islam, der nicht nicht zu Deutschland gehört; erst am Wochenende Petrys Interview zum Katholikentag, in dem sie den beiden großen Kirchen vorhielt, ihr Engagement für Flüchtlinge habe „so gar nichts mit Nächstenliebe zu tun“, sondern ziele auf „eine Partizipation an staatlichen Mitteln“.

„Provozieren“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, „gehört zur Strategie der AfD.“ Sie erzeuge damit zweierlei: Reaktionen ihrer politischen Gegner – und Aufmerksamkeit. Erst bei den Massenmedien – dann, durch diese verstärkt – in der gesamten Gesellschaft.

„Schwierige Situation für Journalisten“, befindet Brettschneider. So sieht das auch der Philosoph Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des „Philosophie-Magazins“. Zur aktuellen Gauland-Äußerung sagt er im Deutschlandfunk, es gehe darum, nicht „über jedes Stöckchen zu springen“, das die AfD hinhalte. Wie gezielt die Partei die Provokation einsetzt, zeigt eine interne Mail der Gauland-Kollegin Beatrix von Storch. Sie schrieb im Zuge des Programm-Prozesses im März, die Themen Euro und Asyl seien verbraucht, weshalb man den Islam in den Mittelpunkt stellen solle: „Die Presse wird sich auf unsere Ablehnung des politischen Islams stürzen...“

Der einstige Tageszeitungs-Herausgeber Gauland, ein Profi im Medien-Bereich, wusste genau, was er sagte. Und wem. Und warum. Er setzte ganz schlicht den nächsten Reiz – um die nächste Reaktion zu erzeugen. Bislang ist die AfD mit diesem der Psychologie entlehnten Modell sehr erfolgreich. Weshalb der Sonntag für Marc Jongen ein guter Tag gewesen sein dürfte.

Jongen, ebenfalls Philosoph, promoviert und mit zumindest begonnener Habilitationsschrift, arbeitet an einer Art weltanschaulichem Basis-Werk für die AfD. Eine seiner Grundüberzeugungen ist, dass es der Republik an Empörung fehlt. Und dass die AfD das ändern muss.

Montagnachmittag ist die Gauland-Boateng-Affäre – die keine ist – erledigt. Das Formulieren in der Grauzone hat wieder perfekt funktioniert. Alle haben sich aufgeregt. Niemand nüchtern und kühl nachgefragt: Wer, Herr Gauland, sind die „vielen Menschen“? Was bedeutet „in der Nachbarschaft nicht ideal“? Und warum, Herr Gauland, können sich die Spitzen Ihrer Partei – Akademiker allesamt, teilweise promoviert – eigentlich so entsetzlich schlecht ausdrücken?

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