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Mehr Gelassenheit

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Von: Cornelie Barthelme

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Der Freitag ist ja schon ein bisschen Wochenende – und also beginnt das Ende einer, rein politisch, ziemlich üppigen Woche mit der Erinnerung an eine, rein politisch, ziemlich üppige Zeit.

Der Freitag ist ja schon ein bisschen Wochenende – und also beginnt das Ende einer, rein politisch, ziemlich üppigen Woche mit der Erinnerung an eine, rein politisch, ziemlich üppige Zeit. Mitte der Achtziger zeigte das Bayerische Fernsehen eine Serie, die Ende der Sechziger spielte, dort, wo Bayern am bayerischsten ist – und, rein gesellschaftspolitisch, sehr lange am hinterhersten war. In „Irgendwie und sowieso“ ging es um Aufbruch und um Aufruhr, um Hippies im Kuhstall und darum, was passiert, wenn man sich zu stur und zu blind und zu erbittert gegen Veränderung wehrt. Die Zeit – und das Leben – gehen dann einfach über einen hinweg.

Freitagmorgen zeigt das Magazin einer großen Tageszeitung im wöchentlichen Foto-Interview zwei der Hauptdarsteller von damals. Und stellt ihnen die Frage: „Wie viel von sich selbst erkennen Sie im jeweils anderen?“ Weil es ein Foto-Interview ist und die beiden also allein mit Gesten und Grimassen antworten dürfen, sieht man, wie Elmar Wepper und Otfried Fischer sich tief und prüfend und zugleich wohlwollend in die Augen sehen – nachdem sie sich zuvor gegenseitig die Brille von der Nase gezogen haben.

Hübsches Bild. Und welch’ kluge Gestik. Sie sagt ja nichts anderes, als dass es sehr hilfreich ist, und im Wortsinn auch notwendig, die eigene Sicht der Dinge nicht für die einzig mögliche zu halten. Dass bisweilen die persönliche Brille gerade nicht zum klaren Blick verhilft. Und dass der andere, genau und gutwillig betrachtet, so ganz anders gar nicht sein muss.

Nun ist das wirkliche Leben, schon gar das politische, keine TV-Serie, auch kein Foto-Interview. Aber das Perspektivwechsel-Prinzip ist ganz allgemein sehr nützlich; dummerweise wird es so schrecklich selten angewandt. Es war, in dieser Woche von Berlin-Wahl, Anti-Ceta-Protest, von Kanzlerin-Gefühlsausbruch und CSU-Generalsekretär-Ausfälligkeit, in einem fort die Rede von Denkzettel-Verteilen, von berechtigtem Frust, von Ungerechtigkeit, Ängsten, sehr oft mit entrüsteter Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen-Attitüde.

Man darf, Segen der Demokratie – diesseits von Beleidigung und Volksverhetzung – alles sagen hierzulande. Und es ist erst recht nicht verboten, neugierig zu sein und klare Fragen zu stellen. Wie anders, beispielsweise, als das vorwurfsvolle „Und für die Banken habt Ihr Geld!“ klingt: „Wenn wir die Banken retten können, warum können wir dann nicht die Menschen retten?“ Der britische Ökonom Anthony Atkinson würde das gerne wissen. Und man darf wetten: Kein Politiker, in Berlin oder sonstwo auf der Welt, hat eine auch nur annähernd vernünftige Antwort.

Kölns Kardinal Woelki hat, ebenfalls in dieser Woche, von der Solidarität gepredigt, die Teilen bedeute: „…etwas von seiner Zeit, seiner Aufmerksamkeit, seinem Gewinn, seinem Erfolg, seinem Talent, seinem Lachen“. Man stellt sich vor, statt in Besänftigung oder in Aufstachelei investierten die Politiker etwas mehr so etwas Altmodisches wie Augenmerk. In Gelassenheit. Und dazu käme dann noch, endlich, endlich, der Mut, die Atkinsons und Woelkis und ihre Gedanken wahr- und wichtig zu nehmen. Und nein: Das ist, auch in der wirklichen Welt, nicht sowieso unmöglich. Es könnte funktionieren. Irgendwie.

politik@fnp.de

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