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Dieter Wedel spricht bei einer Generalprobe.

Kommentar zu Dieter Wedel

#MeToo: Schuldig auf Verdacht

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Dieter Wedel hat die Konsequenzen gezogen und sich nach Vorwürfen sexueller Belästigung als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele verabschiedet. Dazu war kein Gerichtsverfahren nötig. Dazu bedurfte es keines Urteils.

Dieter Wedel hat die Konsequenzen gezogen und sich nach Vorwürfen sexueller Belästigung als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele verabschiedet. Dazu war kein Gerichtsverfahren nötig. Dazu bedurfte es keines Urteils. Und schon gar nicht musste der Grundsatz „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten – angewendet werden. Denn dieser hätte nur Wirkung entfaltet, hätte in einem ordentlichen Gerichtverfahren die Schuld eines Angeklagten nicht eindeutig bewiesen werden können. Denn Wedel war von vornherein schuldig.

#MeToo, unter diesem Schlagwort berichten seit Oktober Frauen von Sexismus im Alltag, von Machtmissbrauch, von sexuellem Missbrauch, von Nötigung und von Vergewaltigung. Es ist eine längst überfällige Debatte. Endlich wird zur Sprache gebracht, was Frauen – nicht nur – in der Film- und Fernsehbranche jahrzehntelang stillschweigend ertragen haben. Es geht um Macht, Unterdrückung, Erniedrigung. Und das überall auf dieser Welt, in jedem Land, egal wie aufgeklärt es scheint. In den meisten Fällen trifft es Frauen. Es trifft die vermeintlich Schwächeren, von denen wenig Gegenwehr zu erwarten ist. Und es trifft die, die in welcher Form auch immer abhängig sind. Vom Chef, vom Regisseur, vom Ehemann. Die Männer tun es, weil sie es können. Und sie tun es, weil es ihnen ermöglicht wird. Sie setzen ein aufgeblasenes, großspuriges, wichtigtuerisches Auftreten mit Führungspersönlichkeit gleich. Und ja, es gilt dagegen aufzustehen, sich zu erheben.

Doch #MeToo hat ein Problem. Die Debatte setzt Chauvinismus und Machogehabe mit schweren Straftaten wie Vergewaltigung oder sexueller Nötigung gleich. Die Trennschärfe geht verloren, moralische und rechtliche Unterschiede werden aufgehoben. #MeToo macht keine Unterschiede. Rachegelüste und falsche Beschuldigungen sind die Folge, ebenso wie ein Klima des Misstrauens zwischen den Geschlechtern.

Mit den Vorwürfen gegenüber Dieter Wedel hat die #MeToo-Debatte in Deutschland neue Relevanz erfahren. Deutschland hatte endlich seinen eigenen „Weinstein“. Sie hat uns gleichzeitig vor Augen geführt, dass auch Journalisten die Unschuldsvermutung beachten müssen. Vor allem im Falle einer Berichterstattung auf Verdacht, bei einem solch sensiblen Thema. Erst recht, wenn der Sachverhalt und die Umstände unklar, diffus sind und Aussage gegen Aussage steht. Doch genau das aber ist im Fall Wedel über weite Teile geschehen. Von ihm wurde das Bild eines gewaltbereiten Vergewaltigers gezeichnet.

Dieter Wedel ist ein Opfer. Er ist das erste Opfer der #MeToo-Debatte. Nicht, weil er von sich sagt, er sei unschuldig. Sondern weil er vorverurteilt wurde. Das „Urteil“, vorangetrieben von einem Sperrfeuer auf vielen Kanälen – in den Zeitungen ebenso wie in sozialen Netzwerken, im Internet und am Stammtisch. Ein fatale Konsequenz, zu der uns die #MeToo-Debatte geführt hat. Ein armseliges Zeichen für unsere Gesellschaft. Ein armseliges Zeichen für Medien, die auch die Aufgabe haben, die Gesellschaft zu leiten.

simone.wagenhaus@fnp.de

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