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Bischöfe beten beim Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im vergangenen Jahr im Fuldaer Dom. Archivbild: dpa

Tiefgreifende Reform

Missbrauchsskandal erschüttert die Kirche

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Das Ausmaß des Missbrauchsskandals erschüttert die katholische Kirche – und zwingt die Bischöfe dazu, über tiefgreifende Reformen zu sprechen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung will es nicht dabei bewenden lassen.

Die katholische Kirche steht nach Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in der Bundesrepublik und auch weltweit an einem „Wendepunkt“. Zum Auftakt der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda mahnte Marx am Montag vor Journalisten deshalb weitere Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal der Kirche an. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte derweil ein staatliches Eingreifen gegenüber der Kirche.

„Gerade weil Staat und Kirche Partner sind, ist hier auch der Staat gefordert“, sagte Rörig der „Süddeutschen Zeitung“. Der Staat trage die Verantwortung für alle Kinder, auch die, die sich in Obhut der Kirche befinden. Bund und Länder sollten zumindest teilweise die Aufarbeitung der kirchlichen Fälle übernehmen. Verträge zwischen Staat und Kirchen sollten ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse sowie Entschädigungsansprüche regeln, forderte Rörig.

Die Bischöfe wollen heute über die Studie zum Ausmaß des Missbrauchsskandals in Deutschland beraten. Wesentliche Zahlen waren bereits bekannt geworden. Demnach hat ein Forscherteam in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf 3677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden.

Der ehemalige Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, sieht in der Studie trotz der „wissenschaftlichen Exzellenz“ einige gravierende Schwachpunkte. „Ursprünglich war geplant, Transparenz herzustellen. Es sollten die Diözesen genannt werden, die sich vorbildlich gegenüber den Opfern verhalten haben“, sagte Pfeiffer dieser Zeitung. Diese hätten Therapien organisiert, die Opfer unterstützt und die Täter an der Fortsetzung ihres Tuns gehindert.

Es habe aber auch Diözesen gegeben, die den „Tätern freie Hand“ gaben und sie „bestenfalls ermahnt“ hätten. Es sei nichts unternommen worden die Täter zu stoppen. Es sei in solchen Fällen lediglich zu Versetzungen gekommen. Am Ende des Tages hätte niemand zur Verantwortung gezogen werden können. „Die Bischöfe, die solches Verhalten zugelassen haben, sind in meinen Augen nicht tragbar“, so Pfeiffer. Im Interesse der Opfer wäre Transparenz notwendig gewesen, sagte er. Letztlich habe die Kirche keine Verantwortung übernommen, weder gegenüber den Opfern noch gegenüber den Tätern. Auch zahle diese den Opfern viel zu wenig Entschädigung.

Für den Jesuit und Kollegsdirektor Klaus Mertes ist es wichtig, dass man bei einer solchen Untersuchung von der Täterfixierung wegkommt und dagegen die Vertuschungen, die bei den Missbrauchsfällen mit Sicherheit gegeben waren, in den Fokus nimmt. „Dabei muss dann herausgearbeitet werden, wo die Verantwortungsketten liegen. Das ist das eigentliche Schlüsselthema“, sagt Mertes.

Bislang führen die Kirchen die Erforschung und Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in Eigenregie und entscheiden auch selber über mögliche Entschädigungen für Betroffene. Der Missbrauchsbeauftragte Rörig sagte, viele Kirchenvertreter spürten, dass es so nicht weitergehe.

Die Opferinitiative „Eckiger Tisch“ forderte die katholischen Bischöfe auf, stärker als bisher auf die Betroffenen des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche zuzugehen. „Zu lange haben sie es vermieden, sich wirklich auf Augenhöhe mit uns zu begeben und uns tatsächlich ernst zu nehmen“, sagte der Mitbegründer der Initiative, Matthias Katsch, in Fulda. Bis heute habe es aus seiner Sicht auch zu wenige direkte Gespräche zwischen Bischöfen, anderen hochrangigen Kirchenvertretern und Missbrauchsopfern gegeben.

Manchmal sei sogar eine „angebliche Rücksichtnahme auf die Opfer“ vorgeschoben worden, um „nur ja nicht aktiv werden zu müssen“, ergänzte Katsch, der als Schüler am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin missbraucht worden war. Seite 2

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