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Präsident Putin besuchte am Wochenende die von Russland annektierte Halbinsel Krim. Dort diskutierte mit Kindern.

Der alte Potemkin kehrt zurück

Moskau setzt wie in früheren Zeiten auf Illusionstheater

Der Begriff „Potemkinsche Dörfer“ wird immer dann angewendet, wenn Politikern vorgeworfen wird, dem Bürger etwas vorzumachen. Der Begriff kommt aus dem zaristischen Russland.

In seinem sehr zahmen Film über Wladimir Putin lässt US-Regisseur Oliver Stone den russischen Präsidenten eine Videoaufnahme von einem angeblichen Angriff russischer Soldaten auf den IS zeigen. In Wahrheit handelt es sich bei den Aufnahmen aber wohl um einen US-Angriff in Afghanistan.

Mit dieser unabsichtlichen Fake News hat sich Putin gehörig blamiert. Wahrscheinlich unabsichtlich. Aber ansonsten hat die Vorspiegelung falscher Tatsachen im Russland von heute Methode: Da weiht Putin zum Beispiel Straßen und Brücken ein, die wieder gesperrt werden, wenn die Kameras abgeschaltet sind. Und in einer Garnison wird das verwelkte Gras des Appellplatzes grün gestrichen, bevor der Kommandant kommt. Davon, wie viele Tiger und Bären Putin schon erlegt hat, ganz zu schweigen.

Wegen solcher Inszenierungen spricht man in Russland schon von der Wiederkehr der Potemkinschen Dörfer. Was hat es mit diesem Begriff auf sich? Der Ausdruck entstand, als der Fürst Grigori Potemkin 1787 die Zarin Katharina die Große bei ihrem Inspektionsbesuch auf der Krim hinters Licht führte. Wohlgenährte festlich gekleidete Bauern, die hin und hergefahren wurden, begrüßten die Zarin vor immer neuen Kulissendörfern. Die „Jubel-Bauern“ mussten ihre „Uniform“ später wieder abgeben. Angeblich wurde auch ein- und dieselbe Kuhherde in verschiedenen Stallungen präsentiert.

Die Schönfärberei und Katzbuckelei war damals in Russland sprichwörtlich: In Gogols Stück „Der Revisor“ macht sich ein Hochstapler die Angst der Bürger einer Kleinstadt vor dem Besuch der Obrigkeit zunutze. Er lässt sich zu seinem eigenen Wohle gerne eine inszenierte Wirklichkeit vorführen und entsprechend verwöhnen.

Diese absolutistische Tradition wurde in der Sowjet-Diktatur fortgesetzt. So wurden bei Stalin in der Hungersnot der 1920er Jahre Vorzeige-Kolchosen präsentiert, die die Misere der Kollektivierung kaschieren sollten.

Auch in der DDR neigten dienstbare Untertanengeister stets dazu, den Parteichefs eine geschönte Wirklichkeit zu präsentieren. Zum einen, weil sie die Sorge haben mussten, dass der Überbringer schlechter Nachrichten bestraft wird. Und zum anderen, weil sie umgekehrt natürlich hofften, weiter befördert zu werden, wenn es in ihrem Zuständigkeitsgebiet läuft.

Doch die Wirklichkeit drückte immer mehr auf das Sowjetsystem. Die schlechten Nachrichten überschlugen sich und ließen, als Michail Gorbatschow 1985 antrat und auf „Glasnost“ (Offenheit) setzte, das sozialistische Lügengebäude wie ein Kartenhaus zusammenstürzen. Die DDR, die nur von Moskau gehalten wurde, fiel 1989/90 gleich mit. Doch mit Putins Amtsantritt 2000 kam die Propaganda-Herrschaft zurück. Und mit ihr die Potemkinschen Dörfer. Putin besuchte gestern übrigens die von den Russen annektierte Krim.

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