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Nach dem Brexit ist die Unsicherheit groß

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Drei Monate sind seit dem historischen Referendum vergangen, bei dem sich die Mehrheit der Briten für den Ausstieg aus der EU ausgesprochen hat. Auf politischer Ebene ist noch nicht viel passiert. Die Unsicherheit ist deshalb groß. Ein Besuch in den Grafschaften Devon und Cornwall, in denen die Mehrheit der Menschen für den Brexit gestimmt haben.

Der Schlepper tuckert in den Hafen von Ilfracombe ein, während die Sonne hinter dem Kliff verschwindet. Auf dem Deck stehen Dutzende Körbe voller Wellhornschnecken, der Fang des Tages. Routiniert legen die Fischer an, und Ben Bengey springt vom schaukelnden Boot. Der blonde 20-Jährige mit dem Drei-Tage-Bart ist so etwas wie der „Posterboy“ der hiesigen Fischer an der Nordküste der südwestenglischen Grafschaft Devon. Ehrgeizig. Heimatverbunden. Und voller Hoffnung für die Zukunft, nachdem die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt haben und er sein eigenes Geschäft aufziehen will.

Die Fischer auf der Insel wünschen sich ein Ende der verhassten Fangquoten aus Brüssel. „Sie ruinieren uns“, sagt Bengey. Früher hätten in dem Hafen der Kleinstadt bis zu 15 Boote gelegen, heute seien es noch zwei. Die Schuld findet er bei der EU und bei den großen dänischen, spanischen oder französischen Flotten, die „in unseren Gewässern fischen“.

Bengey spricht für viele der Brexit-Wähler, die mehr Kontrolle über nationale Belange fordern und ein „Ende der Fremdherrschaft“. In Nord-Devon, wo sich 57 Prozent für das Ausscheiden aus der Gemeinschaft aussprachen, bereut heute kaum jemand seinen Entschluss. Vielmehr schleichen sich bei ihnen mittlerweile Zweifel ein, ob die Politik auch wirklich ihren demokratischen Auftrag ausführen wird.

Denn drei Monate nach dem Votum ist im Königreich noch nicht viel passiert. In der konservativen Regierung herrscht Uneinigkeit darüber, wann der Austrittsprozess eingeleitet wird und welche Kernpunkte die Verhandlungen bestimmen sollen. „Auf geht’s, wir haben fürs Gehen gestimmt“, feuert Bengey aus der Ferne die Premierministerin Theresa May. Er kann es kaum erwarten. Gerade hat der 20-Jährige sein Boot verkauft, ein größeres soll her. In die Ausrüstung inklusive Hummerkörbe, Tau und Seile investierte er bereits Tausende von Pfund.

Hoffen auf Touristen

Zwei Autostunden weiter südlich, im Fischerdorf Port Isaac in der Grafschaft Cornwall, steht der Modedesigner Jacob Cleave an seinem Holztisch und zeichnet Muster auf. Eine deutsche Touristin sucht ein T-Shirt für ihren Enkel aus. „Der ist auch so ein Surfertyp“, sagt sie und zeigt auf den 27-jährigen Cleave. Erst vor zwei Monaten hat der junge Engländer seinen Laden in jener Idylle eröffnet, die durch Verfilmungen von Rosamunde-Pilcher-Büchern berühmt wurde. Für die Liebesschnulzen bildet die wilde, wunderschöne Natur Cornwalls die Kulisse, weshalb sich seit Jahren Reisebusse mit deutschen Pilcher-Pilgern auf engen Landstraßen entlang der rauen Steilküsten wälzen.

Die Touristen gehören zu seinen besten Kunden, aber die Angst vor der Zukunft treibt Jacob Cleave dennoch um, seit er am Morgen des 24. Juni vom Ergebnis des EU-Referendums erfuhr. „Leute sind herumgefahren mit der englischen Flagge am Fenster und haben gehupt, als hätte England die Fußball-WM gewonnen.“ Bei Cleave herrschte Schock und Ungläubigkeit. „Ich fühle mich von den Älteren um meine Zukunft betrogen.“

Wie wird sich sein Leben, sein Geschäft verändern? Kommen Touristen auch dann noch, wenn sie unter Umständen ein Visum brauchen? In der Ecke seines Ladens stehen Surfbretter, mehrere Male pro Jahr fährt er nach Frankreich, liebt Berlin, fühlt sich zuerst kornisch, dann europäisch und erst als letztes britisch. Cleave zuckt die Schultern und schüttelt den Kopf. „Es ist einfach so schrecklich.“

Auch John Pollard, Chef des Cornwall Council in Truro, ist unsicher. Er fordert Antworten. „Der Schock ist vorbei, jetzt müssen wir Klarheit bekommen“, sagt der Mann, der bereits kurz nach dem Brexit-Votum forderte, dass „Cornwall Investitionen im selben Wert zu den EU-Programmen erhält“. Dafür erntete er landesweit Kritik. Für das Königreich ist die Grafschaft das, was die ehemaligen Ostblockstaaten für Europa sind.

Geld aus EU-Fonds

Das arme County erhält Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU für Infrastruktur-Projekte, die Universität oder den Ausbau des Hochgeschwindigkeits-Internets. Bis 2020 steht die Zahlung von rund 300 Millionen Pfund aus. Doch ob die Summe auch aus Brüssel überwiesen wird, darauf will selbst im zockerfreundlichen Großbritannien derzeit niemand wetten. Auf das Geld verzichten könne man aber keineswegs, so Pollard und hofft auf London.

Fischer Ben Bengey hat Feierabend. Er steigt aus seinen Gummistiefeln und stellt sie in seiner neuen Werkstatt ab, in der es nach frischem Holz riecht. Vor kurzem ist der Bau von fünf Garagen direkt am Hafen fertiggestellt worden, nun liegen Schiffstaue aufgerollt in der Ecke. Dutzende Hummerkörbe stapeln sich vor dem Tor, eine für den Brexit werbende Flagge „Fischer für den Ausstieg“ klemmt wie als Trophäe für den Sieg beim Referendum dazwischen.

Dass den Großteil der Kosten für die Werkstätten die EU übernommen hat, findet Bengey keineswegs absurd. „Wir haben nicht darum gebeten.“

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