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Ein brennender Panzer: Vor dem Prager Rundfunk verteidigten die Menschen verzweifelt die Freiheit.

Geschichte

Nach dem Prager Frühling wurde es dunkel an der Moldau

Der „Prager Frühling“ dauerte nur ein halbes Jahr. Die Atmosphäre während dieser Zeit war aber etwas Besonderes, etwas Unvergessliches.

Es waren sechs Monate, in denen die Menschen menschlich waren, der Neid, die Gier und die Missgunst der Freude, der Hilfsbereitschaft und dem Streben nach einem besseren Leben gewichen sind. Das war etwas Einmaliges.

Heute ist mir klar, dass es so nicht weitergegangen wäre. Der Mensch ist auf die Dauer nicht zum Edelmut geboren. Aber damals, zwischen März und August 1968, sah es aus, als könnte eine Utopie wahr werden. Sicher haben sich die Konservativen verstellt, schwammen nur opportunistisch mit der Mehrheit. Aus den Staatssicherheitsdienst-Mitarbeitern und Spitzeln wurden über Nacht keine Menschenfreunde. Sie taten aber zumindest so, als ob sie es wären.

Vielleicht waren wir zu naiv. Aber wir haben damals geglaubt, dass alles anders, alles besser wird. Das seit 20 Jahren unterdrückte Volk erlebte einen Aufbruch. Was für Menschen, die in der westlichen Demokratie gelebt und aufgewachsen waren, eine Selbstverständlichkeit war, war für die Tschechen und Slowaken etwas Unglaubliches. Es gab keine Zensur, man durfte frei seine Meinung äußern, ohne dafür Repressalien zu befürchten oder gar ins Gefängnis wandern zu müssen. In Kinos kamen jahrelang verbotene Filme, Kleintheater-Bühnen mit gesellschaftlich politischen Stücken oder unzensierter Unterhaltung wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Im Fernsehen diskutierten die Politiker offen, gaben ihre Meinung ungebunden preis. Am 1. Mai 1968 nahmen die Menschen das erste Mal seit 20 Jahren an dem Festumzug nicht aus Pflicht und Angst teil, sondern weil sie Präsident Ludvík Svoboda, Parteichef Alexander Dubcek und die Regierungsmitglieder um Oldrich Cerník live sehen und ihnen huldigen wollten. Um dem wirtschaftlich maroden Staat zu helfen, veranstalteten die Bürger Sammlungen, sie opferten den eigenen Schmuck, um die Staatsschulden zu tilgen. Die Beschlagnahmung des Goldes und der Juwelen war übrigens eine der ersten Aktionen der Sowjets nach der Okkupation.

Auch wenn es damals viele Menschen gab, die radikal die Abkehr vom Kommunismus wünschten und von einem neutralen Staat nach Schweizer Muster träumten, war die Mehrheit für den Erhalt des Systems. „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hieß der Slogan der Reformer. Die Menschen waren glücklich, frei reisen zu dürfen, die Welt kennenzulernen, einen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit anderen betreiben zu dürfen.

Während das Volk hoffte und die Reformpolitiker ihr Aktionsprogramm weiter vorwärts trieben, gab es aber auch die andere Seite der Medaille. Der „Big Brother“, im brüderlichen Ausland verfolgte das Geschehen mit Schrecken. Schließlich haben die Machtinhaber dort jahrelang daran gearbeitet, dass bei ihnen niemand die Wahrheit erfährt, niemand aufbegehrt, jeder blind dem Staat und der Partei gehorcht.

Dubcek und Co. wurden mehrmals vor das „Tribunal“ der Mächte des „Warschauer Paktes“ einbestellt. Sie dachten, dort ihre Ideen vertreten und verteidigen zu können. Ähnlich erging es schon ihrem Landsmann, dem Reformator Jan Hus, der 1415 auf dem Konzil in Konstanz seine Lehre verteidigen wollte, statt gehört zu werden aber auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Die Forderungen des russischen Parteichefs Leonid Breschnew waren unmissverständlich: „Stoppt die Reformen, führt wieder die Zensur ein, kehrt unter unsere Ägide zurück. Sonst sorgen wir für Ordnung mit unseren Armeen.“

Öffentlich sprach er anders. Nach seiner Aussage „Eto wasche djelo“, auf deutsch „Das ist Eure Sache“, Anfang August glaubten wir, dass der Prager Frühling nie zu Ende gehen würde. Aber konnten Dubcek und die anderen Reform-Politiker derart blauäugig sein? „Mein Vater wusste um die Risiken“, sagte vor einigen Monaten in Frankfurt dem Autor anlässlich einer Vernissage zu Ehren von Alexander Dubcek dessen Sohn Pavol. „Er wusste fast 90 Prozent der Menschen in seiner Heimat auf seiner Seite. Mein Vater glaubte an das Motto von Mahatma Gandhi, der einmal offenbarte: ,Was ich denke, sage ich. Was ich sage, tue ich.’ Nicht jeder findet diesen Mut in sich. Mein Vater war so einer. Auch wenn er um das Risiko wusste.“

Alexander Dubcek vertraute auch der Freundschaft mit Breschnew, mit dem er und seine Familie viele Stunden bei gemeinsamen Wildjagden verbrachten. Doch die Militärflugzeuge, Panzer und Soldaten der eigentlich verbündeten Warschauer-Pakt-Staaten erteilten ihm und der Vision von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ eine brutale Absage.

Die Invasion war gewaltig. Die nackten Fakten wurden in dieser Trilogie bereits geschildert. Doch es gab auch viele menschliche Tragödien und Geschichten. Mir lief auf der Straße ein blutverschmierter Mann entgegen, der schrie „Sie haben meinen Bruder getötet. Nur so. Wegen nichts.“ Eine der ersten Taten der Okkupanten war die Besetzung der Fernseh- und Rundfunk-Häuser. Die Journalisten wichen in Villen, Bunker und was sich sonst anbot aus, um senden zu können. Trotz Tarnung wurden die provisorischen Studios nach und nach ausgehoben. Die letzte Sendung eines freien tschechischen Senders kam aus einem Waldbunker bei Brünn. Der Reporter, übermüdet, unrasiert und verängstigt, zeigte Bilder, wie sich die Soldaten nähern. Kurz bevor sie den Bunker stürmten, sagte er: „Wir sind die Einzigen in der Tschechoslowakei, die noch senden können. Ich weiß nicht, wie lange. Ich bitte alle: Informiert die ganze Welt. . . Ich glaube nicht, dass ich hier lebend herauskomme. Deshalb verabschiede ich mich von allen.“ Das Letzte, was man sah, waren die Soldaten, die den Bunker stürmten. Dann wurde der Bildschirm dunkel.

Dunkel wurde es auch in dem Land an der Moldau und an der Donau. Der Sozialismus mit menschlichem Antlitz verschwand am 21. August vor 50 Jahren. Was blieb, war der Sozialismus. Für weitere bittere zwei Jahrzehnte. Bis Michail Gorbatschow das in die Wege einleitete, was der „Prager Frühling“ anstrebte: Freiheit und Demokratie für die Völker im Ostblock!

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