Hitze in Kuwait - ein Mann arbeitet bei Temperaturen nahe der 50-Grad-Celsius-Marke.
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Hitze in Kuwait - ein Mann arbeitet bei Temperaturen nahe der 50-Grad-Celsius-Marke. (Archivbild)

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Hitze im Nahen Osten: Eine ganze Region wird buchstäblich unbewohnbar

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Der Nahe Osten ist mit am stärksten vom Klimawandel betroffen - Temperaturen jenseits der 50 Grad Celsius sind bereits Realität. Die Region ist kaum dafür gerüstet, das Problem zu bewältigen.

  • Der Klimawandel wird im Nahen Osten bereits jetzt stark spürbar: In mehreren Ländern wurden im Sommer Temperaturen jenseits der 50 Grad gemessen.
  • Die Staaten der Regionen sind besonders anfällig, meint Korrespondent Anchal Vohra - auch, weil sie von ineffektiven Regierungen, Klerikern oder Autokraten geführt werden.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 24. August 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

Beirut - In diesem Sommer wurden mehrere malerische Länder im Nahen Osten zum Pulverfass. Extreme Temperaturen und schwere Dürren verwüsteten die Region, Wälder brannten und Städte wurden zu Inseln unerträglicher Hitze. Im Juni verzeichnete Kuwait eine Temperatur von 53,2 Grad Celsius und auch der Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien lagen allesamt über 50 Grad. Einen Monat später stiegen die Temperaturen im Irak* auf 51,5 Grad und im Iran* wurden knapp 51 Grad gemessen.

Das Schlimmste daran ist, dass dies erst der Anfang eines Trends ist. Der Nahe Osten erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt und wird bis 2050 um 4 Grad Celsius wärmer sein – weit entfernt von der 1,5-Grad-Marke, die Wissenschaftler zur Rettung der Menschheit angesetzt haben. Der Weltbank zufolge werden extreme klimatische Bedingungen zur Routine werden und die Region könnte jedes Jahr vier Monate lang unter stechender Sonne stehen. Nach Angaben des Max-Planck-Instituts könnten viele Städte im Nahen Osten noch vor Ende des Jahrhunderts buchstäblich unbewohnbar werden. Und die vom Krieg verwüstete und mit Sektierertum gespickte Region ist möglicherweise ganz besonders schlecht auf die Herausforderungen vorbereitet, die ihre kollektive Existenz bedrohen.

Klima-Krise: Der Nahe Osten ist besonders ausgeliefert - auch wegen Klerikern und Autokraten an den Staatsspitzen

Da die Region in Arm und Reich gespalten ist, sind es die ärmeren Bewohner der ölreichen Länder, die als erste mit sozialen Unruhen konfrontiert werden, weil es ihnen an der Grundversorgung – zum Beispiel mit Wasser und Strom – mangelt, die die Menschen zum Überleben in der extremen Hitze dringend benötigen. Diese Länder werden von ineffektiven Regierungen, Autokraten oder Klerikern geführt und verfügen über eine verfallene Energieinfrastruktur und tief verwurzelte strukturelle Mängel, die Förderung und technologische Innovation im Bereich der erneuerbaren Energien blockieren. Nach Ansicht von Experten sind politische und wirtschaftliche Reformen, die die Institutionen stärken und das freie Denken in Unternehmen fördern, von entscheidender Bedeutung für die Verringerung der Kohlenstoffemissionen und den Übergang zu sauberer Energie im Nahen Osten.

Die Treibhausgasemissionen haben sich in der Region in den letzten drei Jahrzehnten mehr als verdreifacht und haben bei Experten die Besorgnis ausgelöst, dass ein steiler Temperaturanstieg auf der einen Seite und der Mangel an grundlegenden Dienstleistungen auf der anderen Seite die Region zu einem noch hoffnungsloseren und gefährlicheren Ort machen.

Nach Aussage von Jos Lelieveld, Experte für das Klima im Nahen Osten und im Mittelmeerraum am Max-Planck-Institut, hat der Nahe Osten die Europäische Union bei den Treibhausgasemissionen überholt, obwohl er vom Klimawandel „besonders stark betroffen“ ist. „In mehreren Städten im Nahen Osten sind die Temperaturen auf weit über 50 Grad Celsius gestiegen“, so Lelieveld. „Wenn sich nichts ändert, könnten die Städte in Zukunft Temperaturen von 60 Grad Celsius erleben, was für Menschen ohne Zugang zu Klimaanlagen gefährlich sein wird.“

Iran, Irak und Co.: Temperaturen über 60 Grad drohen - Schon jetzt bricht sich Protest und Wut Bahn

In Ländern wie dem Iran, Irak, Libanon und in Syrien und Jemen sind Klimaanlagen selbst für relativ wohlhabende Menschen zum Luxus geworden. Diese Länder sind durch Krieg, westliche Sanktionen oder eine eigennützige herrschende Elite belastet und haben umfangreiche Proteste gegen den Mangel an grundlegenden Dienstleistungen erlebt, während gleichzeitig die Temperaturen steigen und Dürreperioden die Felder austrocknen. Die Szenen von sozialer Unruhe haben einen Blick in die Zukunft der Region ermöglicht, die die Auswirkungen des Klimawandels besonders akut zu spüren bekommt.

Im Irak trieb die rekordverdächtige Hitze im Juli Menschen auf die Straße. Sie blockierten Straßen, verbrannten Reifen und umzingelten in ihrer Wut Kraftwerke, die von den Streitkräften gesichert werden mussten. Ironischerweise sind die Stromausfälle im ölreichen Basra im Südirak mit am längsten und die Stadt war das Epizentrum von Demonstrationen, bei denen mindestens drei Iraker getötet wurden. Nach Ansicht von Experten ist die politische Instabilität die Hauptursache für die Stromkrise im Irak.

Im Libanon hat sich diesen Monat ein ähnliches Szenario abgespielt. Die Libanesen haben bereits mit unzähligen Krisen zu kämpfen und sind frustriert über die Untätigkeit der politischen Elite. Als die Treibstoffvorräte zur Neige gingen, kam es im ganzen Land zu chaotischen Szenen. Einige Menschen plünderten Tankwagen, andere plünderten Kraftwerke und wieder andere trugen Schusswaffen zu den Tankstellen, um sich in der Schlange vor Hunderten vorzudrängeln. Dreistündige Stromausfälle waren im Libanon seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990 an der Tagesordnung. Nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft 2019 wurden die Stromausfälle jedoch immer länger und die Generatoren immer lauter. Sie dröhnten durch das Land. Am 12. August hob die Zentralbank die Subventionen für Treibstoff auf und die Generatoren versiegten. Die Lichter gingen aus, und selbst Menschen in den wohlhabenden Vierteln, die an Klimaanlagen gewöhnt sind, mussten mit der brütenden Hitze fertig werden. Die lokale Presse berichtete fast täglich über Auseinandersetzungen zwischen Menschen an Tankstellen, die die Beteiligung der libanesischen Armee zur Überwachung der Verteilung und zur Wahrung des Friedens erforderlich machten. Bei einem Vorfall explodierte ein beschlagnahmter Tankwagen und tötete fast 30 Menschen, als die libanesische Armee gerade Benzin verteilte. Nach Angaben der Ärzte waren die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

Naher Osten: Dürre legt im Iran Wasserkraftwerke lahm

Die politische Klasse im Libanon hat sich an die Macht geklammert und sich geweigert, Reformen einzuleiten, um den hoch subventionierten, aber defizitären Stromsektor zu sanieren. Experten zufolge verfügt der Libanon über ein enormes Potenzial, mit dem er das Vorhaben nicht nur rentabel machen, sondern diese Gewinne auch zur Diversifizierung des Energiemixes und zur Nutzung der reichlich vorhandenen Wind- und Sonnenenergie einsetzen könnte. Eine kohärente Politik würde nicht nur Erholung in den heißen Monaten bringen, sondern auch die Kohlenstoffemissionen und damit die globale Erwärmung verringern.

Im Jahr 2017 verzeichnete der Iran mit 54 Grad Celsius die heißeste offizielle Temperatur in der Region und überschritt auch im Juli die 50-Grad-Marke. Wiederholte Dürreperioden haben jedoch die Wasserkraftwerke des Landes überflüssig gemacht und zu einem Produktionsrückgang geführt, obwohl die Nachfrage nach Strom steigt. Im Juli kam es in verschiedenen Städten Irans zu Protesten, wobei einige Demonstranten „Tod dem Diktator“ und „Tod Khamenei“ in Anspielung auf Ajatollah Ali Khamenei, den „Obersten Führer“ des Irans und den mächtigsten Mann des Landes, skandierten.

In der Provinz Khuzestan im Südwesten Irans blockierten Menschen im Protest gegen die Wasserknappheit Straßen und verbrannten Reifen. Mindestens  drei Demonstranten wurden getötet, angeblich durch Schüsse der staatlichen Sicherheitskräfte, wobei Menschenrechtsaktivisten behaupten, die Zahl läge höher. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärte, dass auf in sozialen Medien verbreiteten Videos zu sehen sei, wie Sicherheitsbeamte Schusswaffen und Tränengas einsetzten und auf Demonstranten schossen, und forderte eine Untersuchung der Todesfälle.

Klima-Probleme als Unruhetreiber im Nahen Osten? Experte fordert mehr Zusammenarbeit in der Region

Die Dürren in Syrien zwischen 2006 und 2011 haben die sozioökonomische Kluft zwischen ländlichen und städtischen Gebieten vertieft und gelten als einer der Gründe für den syrischen Bürgerkrieg. Im Jemen scheint der lang anhaltende Krieg die Wasserkrise noch verschärft zu haben. Die unterirdischen Süßwasserquellen des Jemen trocknen schnell aus, so dass das Land ausgedörrt ist. Der jemenitische jährliche Pro-Kopf-Anteil an Wasser beträgt nur 120 Kubikmeter, verglichen mit dem weltweiten Pro-Kopf-Anteil von 7500 Kubikmetern. Vor dem Krieg hatte das jemenitische Wasserministerium Bedingungen für das Bohren von Brunnen festgelegt, aber während des Konflikts war deren Überwachung unmöglich. In den letzten zehn Jahren hat der Jemen seine ohnehin mageren Süßwasserressourcen schnell erschöpft.

Johan Schaar, Associate Senior Fellow am Stockholmer Friedensforschungsinstitut, ist der Ansicht, dass regionale Zusammenarbeit die Wasserkrise entschärfen und den CO2-Fußabdruck der Region verringern könnte. „Am wichtigsten für die regionale Zusammenarbeit ist die Einigung über die Nutzung und Bewirtschaftung gemeinsamer Wasserressourcen, die aufgrund extremer Wetterereignisse immer knapper und unbeständiger werden; dies gilt sowohl für Flüsse als auch für das Grundwasser“, so Schaar, ein Experte für Klimawandel. „Es bestehen nur wenige bilaterale grenzüberschreitende Wasserabkommen und keine einzugsgebietsweiten Abkommen für Flüsse, die von mehreren Ländern gemeinsam genutzt werden. Der Rat der Wasserminister im Rahmen der Arabischen Liga hat vor einigen Jahren ein regionales Übereinkommen über gemeinsame Wasserressourcen ausgearbeitet, das jedoch nie ratifiziert wurde.“

Anstatt bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zusammenzuarbeiten, ist die Region in Konflikte verwickelt. „Keines der Länder hat mehr als nur geringfügig in die Reduzierung der [Treibhausgas-]Emissionen investiert“, so Schaar. „Darüber hinaus haben Konflikte, Instabilität und Sanktionen Auswirkungen auf ihre Bedürfnisse und Anpassungsfähigkeit. Konflikte führen zu Vertreibung und Verarmung der Bevölkerung und machen sie anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels. Instabilität schränkt die Ressourcen und den politischen Spielraum für die langfristige Planung und die für die Anpassung erforderlichen Investitionen ein.“

Der Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den Revolutionen und Kriegen des Arabischen Frühlings wird kontrovers diskutiert. Es gibt jedoch eindeutige und unbestreitbare Zusammenhänge zwischen schlechter Regierungsführung, Fehlmanagement im Umweltbereich, Verstädterung und Unruhen in Gemeinden, die schlecht mit Wasser, Klimaanlagen und anderen Annehmlichkeiten versorgt sind. Es ist beängstigend, daran zu denken, was in diesen Städten passieren wird, wenn der Klimawandel die Lebensbedingungen weiter verschlechtert, die Standards der Regierungsführung aber gleich bleiben. „Der Klimawandel und die daraus resultierende Zunahme von Wetterextremen verstärken die Herausforderungen, die sich aus regionalen Konflikten ergeben, was wiederum beispielsweise zusätzliche Anreize für Emigration schafft“, so Lelieveld.

von Anchal Vohra

Anchal Vohra lebt in Beirut und ist Kolumnist für Foreign Policy sowie freiberuflicher TV-Korrespondent und Kommentator für den Nahen Osten. Twitter: @anchalvohra

Dieser Artikel war zuerst am 24 August 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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