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Eine Polizistin bewacht einen abgesicherten Abfallbehälter in Amesbury in der Nähe des südenglischen Ortes Salisbury. Das jüngst vergiftete Paar war möglicherweise ein Zufallsopfer.

Unsicherheit

Was der neue Vergiftungsfall für Südengland bedeutet

Vier Monate nach dem Anschlag auf die Skripals sind wieder ein Mann und eine Frau lebensbedrohlich durch den Kampfstoff Nowitschok erkrankt. Was ist da passiert?

Möglicherweise haben sie einen kontaminierten Gegenstand berührt, der beim ersten Attentat benutzt worden war. Die Menschen in der südenglischen Region werden nervöser.

Wie geht es den beiden Opfern?

Sehr schlecht. Sie befinden sich in einem „kritischen Zustand“, heißt es in offiziellen Stellungnahmen. Bei Einlieferung in die Klinik waren sie nicht mehr ansprechbar; ein Bekannter berichtete von Schaum, der den Opfern aus dem Mund lief. Wahrscheinlich liegt das Paar jetzt – wie damals der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia – im Koma. Das Nervengift gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Wer dennoch eine Nowitschok-Vergiftung überlebt, dem drohen bleibende Schäden und Spätfolgen.

Haben die Menschen in der Region Angst?

Ja, haben sie. Dass irgendwo noch Nowitschok-Reste herumliegen könnten, beunruhigt sie. Sie fordern vor allem mehr Aufklärung von den Behörden. Die schätzen die Gesundheitsgefahr aber nicht als besonders groß ein und haben fünf Areale ausgemacht, in denen die Opfer kurz vor ihren ersten Vergiftungssymptomen waren. Darunter sind ein Park in Salisbury und eine Kirche in Amesbury. Wer hier in einem bestimmten Zeitraum gewesen sei, solle seine Kleidung waschen, Handys und Taschen abwischen und Schmuck mit warmen Wasser abspülen, so die Empfehlung. Unbekannte Objekte sollen generell nicht aufgehoben werden. Zudem richteten die Behörden eine Telefon-Hotline ein.

Leidet die Region auch finanziell unter den Vergiftungsfällen?

Die Geschäftsleute von Salisbury sind ziemlich genervt: Sie hatten durch Sperrungen und ausbleibende Touristen deutliche Einbußen. „Ihr Besuch ist sehr wichtig, das stärkt die Moral und bringt die Leute hoffentlich zurück in die Stadt. Wir brauchen Touristen, um zu überleben“, sagte erst vor zwei Wochen eine Einwohnerin beim Besuch von Prinz Charles und seiner Frau Camilla in der Stadt.

Wer stellt eigentlich so ein Nervengift überhaupt her?

Nowitschok ist nicht gleich Nowitschok; die Giftgruppe gibt es in Varianten. Nowitschok (russisch für Neuling) war in der früheren Sowjetunion entwickelt worden. Danach tauchte das extrem gefährliche Nervengift in anderen Ländern auf – auch zu Forschungszwecken. Der deutsche Chemiewaffenexperte Ralf Trapp ist überzeugt, dass in mehreren Ländern damit experimentiert wurde: „Ganz bestimmt in den USA, sicher auch in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in Staaten in Asien.“ Trapp hat auch als unabhängiger Berater für die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) gearbeitet.

Wieso soll dann Moskau für die Vergiftungen verantwortlich sein?

Möglich ist das schon, aber nicht sicher. Großbritannien behauptet das – einen klaren Beweis dafür hat aber noch niemand auf den Tisch gelegt. Auch in Großbritannien gibt es Zweifel, ob die eigene Regierung mit ihren Anschuldigungen den Mund nicht zu voll genommen hat. Dass Nowitschok früher in der Sowjetunion produziert wurde, ist nach Angaben Londons nur eine von mehreren Spuren. Es soll weitere Belege geben. Aber welche? Außenminister Boris Johnson beschuldigte Moskau, Nowitschok für potenzielle Anschläge produziert und gehortet zu haben. Fakt ist zumindest, dass es eine Häufung mysteriöser Todesfälle von Ex-Agenten und Kreml-Kritikern in Großbritannien gibt.

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