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In Kamikatsu wird der Müll in fast 50 Kategorien sortiert. Foto: Pauline Teupke

Junge Zeitung

Nichts verschwenden, wieder verwenden

Die kleine Stadt Kamikatsu führ vor, wie Recycling funktionieren kann Ein Artikel von JUNGE-ZEITUNG-AUTORIN Pauline Teupke.

Kamikatsu – Jeder kennt die Bilder von riesigen Plastikinseln im Meer, von Vögeln und Fischen, die an Plastik verhungern, von Mülldeponien irgendwo am anderen Ende der Welt, auf denen unser Verpackungsmüll landet. Die weltweite Plastikproduktion hat sich seit 1990 mehr als verdreifacht, auf 348 Millionen Tonnen im Jahr 2017. Die Frage, wo all dieses Plastik nach der Verwendung landet, ist drängend und doch immer noch genauso ungelöst wie damals. In Kamikatsu, einer kleinen Stadt in den japanischen Bergen, hat man einen eigenen Weg gefunden, um das Problem zu lösen. 2003 sprach Kamikatsu eine Zero-Waste-Deklaration aus, in der die Stadt verkündete, bis 2020 den gesamten Müll recyceln zu wollen. Inzwischen ist man bei ungefähr 80 Prozent.

Kamikatsu als Stadt zu bezeichnen ist fast zu viel gesagt: In engen Tälern liegen hier und da zwischen Terrassenfeldern, dichten Zedernwäldern und Kirschbäumen ein paar Häuser. Die gut 1525 Einwohner leben in 55 kleinen Siedlungen, über die Hälfte von ihnen sind über 65 Jahre alt. Die steilen Hänge sind von Erosion bedroht und die Bevölkerung schwindet. Wie kam man ausgerechnet hier zu diesem ehrgeizigen Projekt?

Bürger müssen den Müll waschen

Man wolle den nachfolgenden Generationen saubere Luft und sauberes Wasser hinterlassen, so steht es in der Deklaration. Am Anfang, erzählt Midori Suga, die Recycling-Beauftrage der Stadtverwaltung, stand jedoch weniger die ideelle Überzeugung, als vielmehr ein konkretes Problem. Bis in die neunziger Jahre hatte jeder Haushalt seinen Müll selbst im Garten verbrannt, 1997 verbot die japanische Regierung diese Praktik jedoch. Als auch die daraufhin gebaute Müllverbrennungsanlage schon nach drei Jahren nicht mehr benutzt werden durfte, beschloss man, jetzt alles gleich ganz anders zu machen. Auch wegen der Tatenlust des damaligen Bürgermeisters.

Dass das Recyclingprojekt noch immer besteht, ist den Bewohner Kamikatsus zu verdanken. Von ihnen wird einiges verlangt: Sie müssen ihren Müll selbst zu Hause trennen – und zwar in gut 45 Kategorien. Den Biomüll muss jeder Haushalt selbst kompostieren und den restlichen Müll waschen und bei der zentralen Müllsammelstation abgeben. Sechs Sorten Plastik, neun Sorten Papier Die Müllsammelstation ist nicht viel mehr als ein großer Unterstand, Wände gibt es nicht. Da die Sonne scheint, halten gleich mehrere Autos auf dem Schotterparkplatz vor der Station. Gesammelt wird der Müll in Plastikkörben und kleinen Kisten.

Die richtige Kategorie zu finden ist nicht immer leicht, schließlich sind es fast 50; Da gibt es Aluminiumdosen, Stahldosen, Spraydosen und Metalldeckel, sechs Sorten Plastik und neun verschiedene Papiersorten. Eine ältere Frau läuft mit einem Plastikdeckel in der Hand in der Halle herum. „Schau auf die Bilder“, ruft ihr einer der beiden Mitarbeiter zu, die an diesem Tag helfen, den Müll richtig zu sortieren. Jede Kiste ist zur Erklärung nicht nur beschriftet, sondern auch mit handgemalten Bildern verziert. Grüne und rote Preise auf den Schildern kennzeichnen, wie viel Geld die Stadt für den Verkauf eines Kilos des Mülls an eine recycelnde Firma bekommt – oder wie viel sie für die Entsorgung, also Verbrennung oder Deponierung, bezahlen muss.

Die Stadt recycelt nicht selbst, hat aber Verträge mit unterschiedlichen Firmen geschlossen, die den Müll abkaufen. Auch wenn die einzelnen Beträge sehr klein sind, rentiert es sich insgesamt, schließlich braucht die Stadt kaum Angestellte und keine eigene Müllverbrennungsanlage. Voraussetzung ist nur, dass der Müll von den Bewohnern sauber getrennt und gewaschen abgegeben wird. Am Anfang habe es viel Widerstand gegen die Idee gegeben, erzählt Suga. Aber er sei nicht so groß gewesen, wie man hätte erwarten können. mag, denn auch davor war ja jeder Haushalt selbst für die Entsorgung seines Mülls zuständig gewesen. Und auch Das Müllsortieren und -waschen sei weniger aufwendig, als befürchtet. Trotzdem gibt es immer noch Kritik. Manche Bewohner kommen nie zur Müllsammelstation, weshalb Suga vermutet, dass sie ihren Müll immer noch verbrennen. Die Mehrheit steht jedoch hinter dem System. Sie sehen den finanziellen Nutzen für die Stadt, von dem sie auch selbst profitieren. Ein Punktesystem für abgegebenen Müll soll sie zusätzlich zum Recyclen motivieren. Aber auch der Umweltschutz scheint ein ausschlaggebendes Argument zu sein, um die Einwohner von dem Projekt zu überzeugen.

Die Frage ist, wie groß dieser Nutzen tatsächlich ist. Allgemein bezeichnet man mit Zero Waste den Versuch, ohne Müll auszukommen. In Kamikatsu ist die Müllmenge jedoch kaum gesunken. Sie liegt nur leicht unter dem japanischen Durchschnitt. Die Menschen erzählen zwar, dass sie darauf achten, in möglichst leicht trennbare Verpackungen eingepackte Produkte zu kaufen, aber schon beim Kauf auf Plastik zu verzichten, scheinen sie nicht. Darüber hinaus kann man Plastik – vorausgesetzt er ist ordentlich getrennt und sauber – besonders gut recyceln. Die Recycling-Rate steigt also, wenn der Plastikanteil am Müll besonders hoch ist. Auch das Punktesystem, mit dem diejenigen belohnt werden, die besonders viel Müll abgeben, ist wohl eher ungeeignet, um die Menschen anzuregen, wenig Müll zu produzieren.

Vorbild für sieben weitere Städte

Die Stadtverwaltung hat das Problem erkannt – im Moment steht die Recyclingrate an erster Stelle, aber um Müll zu vermeiden, braucht es mehr. So führte die Stadtverwaltung zum Beispiel Siegel ein, mit denen Restaurants im Ort ausgezeichnet werden, die lokale Produkte benutzen oder versuchen, keine Müll zu produzieren. Seit einiger Zeit gibt es auch ein System von Pfandgeschirr, das kostenlos statt Einweggeschirr benutzt werden kann, wodurch der Müll bei Festen stark gesunken ist. Im KuruKuru-Shop werden Kleider und Bücher verschenkt, statt sie wegzuwerfen, und in der KuruKuru-Werkstatt stellen Bewohnerinnen aus alten Stoffen Kleider und Taschen zum Verkauf her.

Seit einigen Jahren führt die von der Stadtverwaltung unabhängige Zero Waste Academy Workshops und Vorträge durch, um auch außerhalb Kamikatsus für Umweltschutz und Müllvermeidung zu sensibilisieren. Inzwischen gibt es in Japan neben Kamikatsu schon sieben weitere Städte, die auf ähnliche Weise versuchen, den Müll zu recyclen und zu reduzieren, die größte von ihnen mit über 50 000 Einwohnern. In Kamikatsu steht als nächstes großes Projekt der Bau einer neuen Müllsammelstation an. Mit Wänden diesmal, und zwar aus recyceltem Holz. Auch Fenster und Türen sollen aus abgerissenen Häusern wiederverwendet werden. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung experimentiert gar an der Herstellung von Dachziegeln aus altem Porzellan und Glas. Der neue Bau soll hell und groß die Idee des Zero Waste verkörpern und zeigen, wie wichtig das Projekt inzwischen geworden ist. Nicht nur die Bekanntheit Kamikatsus nach außen ist dadurch gestiegen, auch im Leben der Einwohner stellt es einen zentralen Bestandteil dar. Wie Midori Suga erzählt, ist die Müllsammelstation der Ort im Dorf, den alle Bewohner regelmäßig besuchen – hier trifft man einander und plaudert mit alten Bekannten. Bisher muss das auf dem offenen Parkplatz geschehen, bald dann aber hoffentlich im Café im Neubau.

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