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Kahlil (16) aus Afghanistan fällt erschöpft nach hinten aufs Feldbett, daneben warten Familien vom Balkan.

Frankfurt sucht Pflegeeltern für unbegleitete Minderjährige

Wer nimmt Flüchtlinge bei sich auf?

In der ganzen Republik wird geschaut, wo man weitere Asylbewerber unterbringen kann. Wer ein Zimmer frei hat oder eine ganze Wohnung, kann einen Flüchtling auch bei sich einquartieren.

Überall in Deutschland sind Flüchtlingsheime überfüllt. An vielen Orten werden Zelte und Container aufgestellt, um Asylbewerber unterzubringen. Aber es geht auch anders. Inzwischen ergreifen Bürger die Initiative, vermieten ihre leerstehenden Wohnungen oder nehmen einen Flüchtling gleich bei sich zu Hause auf.

Einen ganz besonderen Weg geht dabei Frankfurt. Hier sucht das Frankfurter Jugend- und Sozialamt Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Aus den Krisenherden dieser Welt, insbesondere aus Afghanistan und Eritrea kommen steigende Zahlen sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge am Frankfurter Flughafen oder am Hauptbahnhof an. Diese Jugendlichen sind entweder von ihren Eltern allein auf die gefahrvolle Reise geschickt worden, oder sie haben bei der Flucht ihre Eltern verloren.

Im vergangenen Jahr kamen 987 Jugendliche ohne Eltern nach Frankfurt, in diesem Jahr sind es schon 1200. Aktuell sind 163 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Frankfurt zugewiesen und bereits in Jugendhilfemaßnahmen. Die Zahl steigt monatlich um etwa 10 Personen. Die meisten unbegleiteten Jugendlichen sind 15 oder 16 Jahre alt, selten jünger. Es sind vor allem Buben, die losgeschickt werden, denn Mädchen haben geringere Chancen, die Flucht unbeschadet zu überstehen. Für die jungen Menschen aus dieser Gruppe werden Vollzeitpflegestellen gesucht. Für die Unterbringung eines Jugendlichen, der älter als 12 Jahre ist, erhalten Pflegefamilien den ab 1. Juli gültigen üblichen Pflegesatz von 913 Euro im Monat. Dafür müssen sie für Essen und Unterkunft sorgen, den Jugendlichen kleiden, betreuen und erziehen.

Auch Daniel Barenboim (72), Star-Dirigent und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, könnte sich, wie er gestern „Bild“ sagte, eine Aufnahme von Flüchtlingen bei sich zu Hause vorstellen.

Wer privat an Flüchtlinge vermieten will, kann sich an die zuständige Behörde in seiner Stadt wenden, meist das örtliche Sozialamt. Der Vermieter muss dort zahlreiche Informationen zur Wohnung angeben und Dokumente vorlegen. Erfüllt die Unterkunft die Vorgaben – etwa bei den Mietkosten –, wird ein Besichtigungstermin vereinbart. Die private Initiative „Flüchtlinge willkommen“ etwa hat sich darauf spezialisiert, Schutzsuchende bundesweit in Wohngemeinschaften zu vermitteln. Mehrere Hundert Studenten, aber auch Berufstätige, Familien oder Alleinstehende haben ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten.

Die Miete zahlt in der Regel das zuständige Amt in der jeweiligen Stadt, ebenso die Heizkosten. Das gilt aber nicht unbegrenzt. Je nach Zahl der Personen gelten Höchstgrenzen für die Größe der Wohnung, die Miet- und Nebenkosten, die die Verwaltung übernimmt.

Unterdessen geht aber auch die öffentliche Suche nach Flüchtlingsunterkünften weiter, teilweise mit ungewöhnlichen Ideen. Der Berliner Senat prüft die Nutzung von leerstehenden Gefängnisgebäuden als Flüchtlingsunterkünfte. Voraussetzung für eine Nutzung sei, dass Flüchtlinge nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt würden, sagte der Berliner Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD). „Die Gitterstäbe vor den Fenstern müssen weg, und normale Türen müssen eingebaut werden.“ Weiter forderte Kollatz-Ahnen von der Bundesregierung ein stärkeres finanzielles Engagement in der Flüchtlingshilfe. Sie solle die Hälfte der Kosten pro Flüchtling und Monat tragen, so der Finanzsenator. Damit würden Bund und Länder sich künftig die tatsächlich anfallenden Kosten für Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden teilen. Bisher werden Länder und Kommunen pauschal mit einer Gesamtsumme vom Bund unterstützt.

Auch der SPD-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat angesichts steigender Flüchtlingszahlen mehr Geld für die Kommunen gefordert. Der Bund müsse diesen in einer Größenordnung von zwei Milliarden Euro die Kosten abnehmen, sagte Gabriel dem „Focus“.

Damit reagierte er auf eine Studie der Bertelsmann Stiftung, wonach notleidende Kommunen trotz guter konjunktureller Lage mehr und mehr den Anschluss verlören.

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