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Unter dem Motto ?Ich bin Özil? haben mehrere Menschen gegen eine nach ihrer Ansicht unfaire Medienberichterstattung über den Fußballer Mesut Özil und den türkischen Präsidenten Erdogan protestiert.

Nur ein kurzer Aufschrei?

In der Özil-Debatte wächst Hoffnung auf eine konstruktive Auseinandersetzung

Vor einer Woche trat Fußballer Mesut Özil eine Debatte über Integration und Rassismus los. Die Frage ist nun, ob diese Debatte bleibt – und ob sie vielleicht dazu führt, dass das Thema konstruktiv angegangen wird.

Gibt es eine Debatte – oder nur einen kurzen Aufschrei? Vor einer Woche löste Fußballprofi Mesut Özil mit seiner Rücktrittserklärung jedenfalls eine Welle aus: Seit Tagen sind er selbst, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und das Verhalten beider Seiten Thema beim Abendbrot und in journalistischen Artikeln. Rasch kam auch eine Diskussion über Rassismus und Integration auf.

Denn als Begründung für den Rückzug aus der Nationalmannschaft hatte Özil in seiner Erklärung vom vorvergangenen Sonntag Anfeindungen genannt, nachdem er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatte fotografieren lassen. Özil kritisierte besonders DFB-Präsident Reinhard Grindel: „In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern“ sei er ein Deutscher, wenn die Mannschaft gewinne, aber ein Migrant, wenn sie verliere.

Die Frage ist, wie es weitergeht. Handelt es sich um eine bald schon abebbende Empörung im medialen Sommerloch, ausgelöst von einem Promi? Oder taugt der Fall eines bekannten Profikickers dazu, den Blick auch einer breiten Öffentlichkeit auf schon lange bestehende Probleme bei der Integration zu lenken und auch auf den Alltagsrassismus, dem Nichtprominente mit ausländischen Wurzeln mitunter ausgesetzt sind? Bei der Wohnungs- und Stellensuche, im Büro oder auf der Straße.

Das wünschen sich zum Beispiel der Initiator von #MeTwo und seine Unterstützer. Der Hashtag in den Sozialen Medien sei eine Aktion „gegen Diskriminierung von Minderheiten, aus dem sich eine konstruktive Wertedebatte entwickeln soll“, sagt Erfinder Ali Can. Das englische Wort für die Zahl Zwei solle bedeuten, dass „zwei Herzen in meiner Brust“ schlagen dürften, erklärt er: „Weil ich mehr bin als nur eine Identität.“

Freilich erinnert der Hashtag an #MeToo, unter dem Frauen in der Sexismus- und Gewaltdebatte über ihre Erfahrungen berichten – bisher durchaus anhaltend. Und teils wurden in der Diskussion strukturelle Probleme angegangen. So sagt Can auch, dass „sozusagen eine ,MeToo‘-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund“ nötig sei.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) forderte jedenfalls am Sonntag im „Tagesspiegel“: „Wir müssen dringend eine ruhige und gründliche Diskussion darüber führen, wie wir miteinander leben wollen und was einem toleranten Umgang im Weg steht.“ Außenminister Heiko Maas (SPD) zeigt sich in der „Bild“-Zeitung (Montag) besorgt: „Es schadet dem Bild Deutschlands, wenn der Eindruck entsteht, dass Rassismus bei uns wieder salonfähig wird.“

Der Kommunikationswissenschaftler Jörg-Uwe Nieland sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), dass die Folgen von Özils Rücktritt die Gesellschaft noch längere Zeit beschäftigen würden. Zugleich gibt er aber zu bedenken, dass die Konzentration auf eine einzelne Person ein Problem sein könne: „Das System und die Strukturen sowie die Komplexität der Abläufe und Positionen geraten dabei aus dem Blick. Das ist dem Erkennen von Zusammenhängen im Sport und in der Gesellschaft nicht zuträglich.“

Kürzlich wurde eine Studie des Duisburger Zentrums für Türkeistudien bekannt, wonach sich Deutsche mit türkischen Wurzeln immer stärker mit der Türkei verbunden fühlen. Leiter Haci-Halil Uslucan nannte es laut Deutschlandfunk besonders problematisch, dass jeder zweite Türkeistämmige die türkische Regierung und Migrantenorganisationen als seine vorrangigen Interessensvertreter wahrnehme.

Auf das Annehmen von Werten in Deutschland pocht die Publizistin Düzen Tekkal. In der „Welt“ (Freitag) fand sie deutliche Worte: Es nerve sie, wenn sich viele Migranten, darunter Leistungsträger, jetzt auf „ihre Herkunft und den Opferstatus“ reduzierten.

Ab wann gehört ein Migrant „dazu“? Der Psychologe Ahmad Mansour sagte „heute.de“: „Der beste, motivierteste Flüchtling wird scheitern, wenn er keine emotionalen Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft hat.“ Mansour dringt auf Kommunikation. Man könne zwar nicht erwarten, dass sich ein konservativer Muslim „von einem Monat auf den anderen ändert und integriert ist. Kommunikation heißt zugespitzt, nicht nur Plakate aufhängen mit ,Refugees welcome‘, sondern auch: Wir erwarten von euch ein klares Bekenntnis zu unseren Werten.“

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