Traumreiseziel Malediven

Ein Paradies versinkt in Meer aus Müll

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Für viele Deutsche gelten die Malediven als Traumreiseziel. Doch das vermeintliche Paradies ist bedroht, die Atolle im Indischen Ozean leiden unter dem Klimawandel und einem großen Müllproblem. Die Vereinten Nationen wollen die Atolle mit gezielten Projekten widerstandsfähiger machen. Und auch der Tourismus spielt eine Rolle ? im Positiven wie im Negativen.

Zwischen Urlaubstraum und Alptraum liegt nur ein kleiner Kameraschwenk: Entweder zeigt das Bild eine schräge Palme am weißen Tropenstrand eines Atolls, die über ein hellblaues Meer ragt – das ist der Stoff, aus dem die Malediven-Träume sind. Oder der Blick des Fotoapparats erfasst die Dutzenden Plastikflaschen davor, achtlos hingeworfen ins vermeintliche Idyll, und die herausragenden Wurzeln der Kokospalme – ein Zeichen für die Küstenerosion, die 85 Prozent der 1190 Inseln betrifft.

Dass die flachen Malediven vom jährlich um drei Millimeter steigenden Meeresspiegel bedroht sind, ist international bekannt – spätestens seitdem der frühere Präsident Mohamed Nasheed medienwirksam eine Unterwasserkonferenz hielt. „Wir sind auf internationalen Konferenzen immer die Drama Queen“, beschreibt Shaahira Ali humorvoll die Lage. Sie ist die örtliche Direktorin von Parley, eines Unternehmens, das Meeresmüll etwa für Adidas weiterverarbeitet.

Denn nicht nur die Fluten des Indischen Ozeans bedrohen die Inseln südlich von Sri Lanka, auch in der Müllflut drohen sie unterzugehen. Hier auf Maabaidhoo im südlichen Laamu-Atoll stammt dieser Abfall nicht von den Touristen. Bisher ist die Insel den 1107 Bewohnern vorbehalten. Die strikte Trennung von Urlauber- und Einheimischeninseln – 186 Eilande der Malediven sind bewohnt, dazu kommen 120 Ressort-Inseln – wird seit einigen Jahren durch erste Guesthouses aufgeweicht. Auf Maabaidhoo aber ist sie noch wirksam – zum Leidwesen der Bewohner.

„Vor acht Jahren haben wir einen Antrag in der Hauptstadt Male gestellt, die Insel touristisch nutzen zu dürfen“, berichtet Inselrat-Präsident Ali Faisal. „Nun hoffen wir auf eine Genehmigung Ende des Jahres oder Anfang 2019.“ Die Wege sind lang von Male bis Maabaidhoo, das fast am Äquator liegt. Dass die Insulaner sich von der Zentralregierung vernachlässigt fühlen, klingt an. Aber es gibt Gründe für die Ablehnung: Maabaidhoo hat kein Abwassersystem und keine Müllentsorgung. Über beides muss eine Urlauberinsel verfügen.

Vom Tourismus erhoffen sich die Insulaner vor allem neue Jobs. Bisher lebten sie von der Fischerei, doch die wird durch den Klimawandel schwieriger. „Weil die Korallenriffe durch die Meereserwärmung sterben, müssen wir immer weiter hinausfahren, um Köderfische zu fangen“, erklärt der 55-jährige Fischer Ibrahim Sharif. Und nicht nur die Fische verschwinden, auch die Jugendlichen. Von Maria Hassans neun Kindern sind drei auf anderen Inseln im Tourismus tätig. „Sie würden zurückkehren, wenn es hier Arbeit gäbe“, ist die feste Überzeugung der 48-Jährigen.

Gemeinsam mit anderen fleißigen Frauen hat sie aus einem Mangroven-See, der als Deponie genutzt wurde, mit der Hand Müll aufgesammelt – die „Wetlands“ könnten schließlich, so die Wunschvorstellung, mal eine Touristenattraktion werden. Doch nun lagern die ausrangierten Mikrowellen, Flipflops und Plastikflaschen an einem Strand am anderen Ende der Insel. Analog zum alten Slogan „Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner geht hin“ könnte es hier wie auf vielen Malediven-Inseln heißen: Stell dir vor, du sammelst Müll, und keiner holt ihn ab.

Doch es gibt Fortschritte, schließlich wurden die Inseln des Laamu-Atolls in ihrem Müll- und Wassermanagement durch das Programm „Lecred“ der Vereinten Nationen unterstützt. Das Pilotprojekt hat etwa Tanks und Filtersysteme auf die Inseln gebracht, mit denen Regenwasser gespeichert und trinkbar gemacht wird. Von einem „ikonischen Projekt“ spricht der Vize-Präsident des Atollrates, Ibrahim Moosa. Das soll helfen, die unzähligen Wasserflaschen aus Plastik zu vermeiden, mit denen in der Tropenhitze jeder seinen Durst stillt.

„Früher hatten wir eine Million Plastikflaschen pro Jahr“, berichtet Abdul Sharif, im Atollrat zuständig für 74 Inseln. „Nun stehen Wasserspender in jeder Schule.“ Fatimah Niha Mohammed (12) ist sehr stolz, dass ihre Schule auf Maamendhoo mit 210 Kindern nun „so grün“ und Umweltkunde ein wichtiges Fach ist. „Wenn etwas kaputt ist, recyceln wir es“, sagt sie strahlend. Über die Kinder soll sich auch das Umweltbewusstsein ihrer Eltern und Großeltern verändern. „Die haben früher den Müll einfach weggeworfen“, erzählt Sharif. Allerdings gab es damals auch noch nicht so viel Zivilisationsmüll wie etwa Handys und Elektrogeräte. „Je entwickelter das Land, desto größer das Müllproblem“, betont er.

Elektrogeräte sind nicht der einzige Sondermüll. Das UN-Programm Lecred hat auch dafür gesorgt, dass infizierter Krankenhausmüll nun verbrannt und gesondert entsorgt wird. Bisher konnten sich etwa Dengue-Viren ungestört weiterverbreiten, wenn Mücken sich im Abfall tummelten. An einem klimaresilienten Gesundheitssystem arbeitet WHO-Repräsentant Arvind Mathur gemeinsam mit der Regierung. Denn Klimawandel, Müll und die Ausbreitung von Krankheiten hängen eng zusammen: Weil die Regenzeiten unregelmäßiger werden, werden die trockenen Böden durch die sintflutartigen Niederschläge oft geradezu überflutet. Schon in den kleinsten Pfützen aber kann die Tigermücke brüten, die Dengue, Chikungunya und Zika überträgt, besonders gut aber auch im Müll, in dem sich Lachen bilden. „Ein großes Problem, schließlich ist die Mücke das tödlichste Tier der Welt,“ so Aishath Thimna Latheef von der WHO.

All das soll die Touristen, die sich in Ressorts den Traum vom Tropenparadies erfüllen wollen, möglichst wenig tangieren. Und das führt zu einem Paradoxon: Einerseits verursachen die Urlauber selbst viel Müll. Jeder Malediver erzeugt 1,5 Kilo Abfall am Tag, jeder Tourist 3,5 Kilo, so die Rechnung von Shaahira Ali, Direktorin bei Parley.

Andererseits verändert der Tourismus aber auch das Bewusstsein, weckt bei den Bewohnern das Bedürfnis, etwas zu verändern. „Er hat uns erst das Umweltkonzept gegeben, das wir jetzt haben“, so Ali. Und Moosa vom Atollrat auf Maavah betont: „Unsere Insel soll für die Touristen sauber und schön werden.“ 37 Bewohner arbeiteten im Ressort Six Senses auf der Nachbarinsel „Jetzt haben sie gesehen, wie es dort läuft, und wollen auch hier ein anderes Müllmanagement.“

Im Six Senses Ressort ist Nachhaltigkeit besonders wichtig, die UN arbeiten mit diesem Luxushotel zusammen. Es gibt etwa eine Entsalzungsanlage für Meerwasser, eigene Hühner legen die Frühstückseier. In Gärten wächst Obst und Gemüse – ungewöhnlich in einem Land, das 60 Prozent aller Lebensmittel importiert. Ausrangierte Handtücher werden zu Blumentöpfen verarbeitet.

Dennoch bleibt in allen Hotels Abfall übrig. Der wandert, zusammen mit dem Müll der Einheimischen, der abgeholt wird, auf die Deponie-Insel Tilafushi in der Nähe von Male – und wird verbrannt. Durchschnittlich 330 Tonnen Müll landen dort täglich. Die giftigen Dämpfe sind von weitem zu sehen, auf der Alptrauminsel arbeiten viele Gastarbeiter aus Bangladesch.

Die Abfallberge könnten noch dramatisch wachsen. Umweltminister Thoriq Ibrahim spricht davon, die Zahl von derzeit 1,3 Millionen Urlaubern pro Jahr auf 6 bis 7 Millionen zu erhöhen. Auf die 400 000 Malediver kommt neben der Meeres- und Müll- also auch eine Touristenflut zu. „Dafür werden wir die Infrastruktur nachhaltig ausbauen“, verspricht Ibrahim. Bis Ende 2018 soll der Müllwagen der Firma Wemco in jedem Haushalt den Abfall abholen – es klingt wie ein Wahlkampfversprechen für den Urnengang im Herbst.

Die Regierung denkt bei ihren Zukunftsplänen aber noch weiter. Auf der künstlich aufgeschütteten Insel Hulhumale entsteht eine Stadt, die an Dubai oder Singapur erinnert. Erste Hochhäuser stehen schon, bis zum Jahr 2050 sollen hier 240 000 Menschen leben. Konzentriert in Hochhäusern und damit sicherlich politisch leichter kontrollierbar als auf weit verstreuten Atollen. Gleichzeitig macht die Regierung nach Worten des Umweltministers klar: „Wir Malediver gehen nicht weg, wir bleiben hier.“ Ex-Präsident Mohammed Nasheed hatte dagegen Evakuierungspläne, wollte Land etwa in Indien und Sri Lanka kaufen, für den Fall, dass das Meer die Atolle überflutet.

Auch an die Urlauber ist auf Hulhulmale gedacht. Neben Regierungsviertel, Finanzdistrikt und Sozialwohnungen gibt es auch einen Hotelkomplex. „Diese Touristenhotels werden billiger sein als die Ressorts“, erläutert Mariyam Eeman vom Marketing. Chinesische Touristen sind die Zielgruppe.

Die deutschen Touristen – mehr als 112 000 waren es im vergangenen Jahr – werden aber vermutlich weiterhin Wasserbungalows auf kleinen Atollen bevorzugen und ihren Zoom dabei lieber auf die schräge Palme als auf den Plastikabfall davor richten. Wegsehen haben sie schließlich zu Hause gelernt, auch wenn es dort anders aussieht. „Viele Touristen kommen aus Ländern, in denen es viel mehr Müll gibt“, betont die Six-Senses-Hotelmanagerin Marteyne von Well, die aus den Niederlanden stammt. „Er wird nur nicht an den Strand geworfen. Nur weil der Müll in Deutschland im Abfalleimer landet, ist er ja nicht weg.“

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