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Peer Steinbrück zieht sich aus dem Bundestag

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Von: Cornelie Barthelme

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Peer Steinbrück lacht nach seiner letzten Rede im Bundestag, rechts ein Parteikollege.
Peer Steinbrück lacht nach seiner letzten Rede im Bundestag, rechts ein Parteikollege. © Monika Skolimowska (dpa)

Zum letzten Mal redet Peer Steinbrück im Bundestag. Heraus kommt die Erkenntnis, dass man ihn, hätte er sich am Pult nicht so rar gemacht, vermissen könnte.

Seine Partei hat ihm die „1“ gegönnt, hochgestellt sogar, hinter seinem Namen. Genau genommen ist es die Fraktion gewesen. In der „Kurzübersicht über Plenarthemen“ steht für Donnerstag, 9 Uhr, zum „19. Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik“, kurz: AKBP, als zweiter Redner: „Peer Steinbrück 1“.

Es könnte nach später Freundlichkeit aussehen. Und zu später Genugtuung beitragen. Im Januar wird Peer Steinbrück 70; und 47 Jahre davon ist er in der SPD – mehr als zwei Drittel seines Lebens. Man war sich nicht immer gut – aber bestimmt hat die Partei so viel von ihm profitiert wie er von ihr. Wiewohl: Profit ist im Zusammenhang mit Peer Steinbrück ein heikles Wort.

Es hat eine Zeit gegeben, da schien an ihm nichts interessanter, als wofür er von wem Geld bekommt und wie viel. Am Anfang dachte Steinbrück, er könne das für eine Unbotmäßigkeit halten und sie weglachen oder weggrollen, je nach Laune. Einen Kanzlerkandidaten-Wahlkampf später wusste er: Das war ein Irrtum. Vielleicht sein größter. Ganz sicher sein folgenschwerster im Politik-Geschäft.

Historischer Auftritt

Gut drei Jahre erst liegt das zurück. Und doch scheint sich der Aufruhr um Vortragshonorare, Kanzlergehalt, Weinqualitäten und -preise in einer anderen Zeit zugetragen zu haben. Einer, in der ein ausgestreckter Mittelfinger als Antwort in einem Interview ohne Worte auf die Frage nach Spitznamen wie „Problem-Peer“ oder „Peerlusconi“ die Leserbrief-Seiten seriöser Blätter so überquellen ließ wie heutzutage das Tun der Herren Erdogan und Putin zusammen.

Inzwischen sucht Steinbrücks Partei wieder einen Kanzlerkandidaten. Er aber nimmt Abschied. Heute ist Schluss mit der Politik – als Parlamentarier. Er ist Minister gewesen in NRW und Ministerpräsident; er hat die Wahl verloren, die Gerhard Schröder in die vorgezogene Bundestagswahl trieb; und er hat als Bundesfinanzminister mit dessen Nachfolgerin Angela Merkel die Sparer beruhigt, als die Finanzkrise richtig Fahrt aufnahm.

Der Auftritt an jenem Sonntagnachmittag 2008 ist vielleicht sein staatstragendster gewesen – in des Wortes bildlichem Sinn. Ehrlich ist er dabei – wie die Kanzlerin auch – nicht wirklich gewesen. Gewirkt haben sie trotzdem. Oder gerade deshalb.

Und nun also „AKBP“, als „1 Letzte Rede im Deutschen Bundestag“. Aber wie Helmut Schmidt 2011 bei seinem letzten Parteitagsauftritt geht es nun auch Peer Steinbrück um Europa, den „Glücksfall“, und um das ganze „normative Projekt des Westens“: „Unter Druck“ sieht er beide in diesen „fragilen Zeiten“. Und wie Schmidt stellt Steinbrück die deutsche Verantwortung heraus – die „den Bürgern mit Verstand, aber offenbar mit noch sehr viel mehr Herz erklärt“ werden müsse.

Die Parteien benennt er als Ort dafür, das Parlament als jenen des Streits „über die zentralen Zukunftsfragen, und zwar kontrovers, spannend, laut, leidenschaftlich, repolitisierend“ und – er fügt es nach einer rhetorischen Pause an – „nicht alternativlos“.

Man darf das nicht nur als eine Spitze gegen Angela Merkel verstehen; man soll. Aber dazu ist es auch eine Selbstbeschreibung. Ein Appell: Ihm doch zu folgen – und ihn als genau solchen streitbaren politischen Menschen zu sehen. Jetzt. Und im Rückblick erst recht.

Bei anderen wäre es nun gut. Und vorbei. Abgang. Tagesordnung. Peer Steinbrück aber kommt zur „Verteilung von Sumpfhühnern und Schlaubergern“. In Parteien. Zwischen ihnen. In der Bevölkerung. Überall gleich, hat er gelernt, in dem fast halben Jahrhundert als Sozialdemokrat – auch wenn er sich „natürlich zur Partei der Schlauberger“ gezählt hatte. Er, der als Kanzlerkandidat einmal bis zu Tränen aus der Fassung geriet, will heiter gehen. Weshalb er eine zweite „Erkenntnis“ anfügt.

Dem Bundesfinanzminister Schäuble habe er jüngst erklärt, dass nicht nur Tun und Sagen in der Politik entscheidend seien, „sondern auch, wie man dabei guckt“. „Ich lernte“, sagt Steinbrück – das Protokoll wird später zutreffend „Heiterkeit im ganzen Hause“ vermerken – „sehr spät.“ Eventuell verdeckt das „sehr“ ein anderes, noch kleineres Wort: zu.

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