Historie

Prager Frühling: Dubcek bringt den Stein ins Rollen

Nachdem im ersten Teil unserer kleinen Serie das Scheitern der tschechoslowakischen Reformbewegung geschildert wurde, geht es heute um die politischen Hintergründe des „Prager Frühlings“ von 1968.

Das Land im Herzen Europas galt als ein Musterschüler des Ostblocks. Vor der Machtergreifung durch die Kommunisten war die Tschechoslowakei der wirtschaftlich und kulturell entwickelste Staat jenseits des nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Eisernen Vorhanges. Der kommunistische Putsch im Februar 1948 leitete eine neue Ära ein. Das Land verkam zu einem Vasallenstaat, zu einem Abklatsch des Stalin-Regimes. In den politischen Monsterprozessen der 50er Jahre wurden zahlreiche Todesurteile ausgesprochen, die Gefängnisse quollen über. Die starke Wirtschaft wurde nach dem Vorbild des großen Bruders in eine bürokratisch-zentralistische Planwirtschaft umgewandelt, etliche Produktionen wurden verboten, weil sie ein anderes sozialistisches Land zugesprochen bekam. Die Entscheidungsgewalt der Staats- und Parteiorgane wurde durch die über alles wachenden sowjetischen Berater eingeschränkt. Die Zensur verhinderte nicht nur die freie Meinungsäußerung, sondern auch die Verbreitung der westlichen Kultur. Was perfekt funktionierte, war die Spitzeltätigkeit. Die „Staatssicherheit“ war ähnlich gut organisiert, wie in der benachbarten DDR.

Zu Beginn der 60er wurde das Land von einer ökonomischen und politischen Krise erschüttert. Parteichef und Präsident Antonín Novotný leitete in den 60ern zwar auch die Entstalinisierung ein, aber nur zögerlich. Schließlich war er selbst ein Stalinist. Die Opfer der politischen Prozesse wurden nach und nach rehabilitiert, die vom Ökonomen Ota ?ik geforderte Wirtschaftsreform mit der Einführung einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ wurde zumindest diskutiert. Das Fass zum Überlaufen brachten die Schriftsteller, die im Juni 1967 plötzlich rebellierten. Statt wie üblich alle Vorschläge und Anordnungen von oben abzusegnen, forderte Milan Kundera das Plenum zur freien Diskussion auf. Pavel Kohout stand auf und sprach sich für die Abschaffung der Zensur aus, Václav Havel für die Rehabilitierung der verbotenen Autoren. Ludvík Vaculík votierte gar für die Gleichstellung der Nichtkommunisten und Kommunisten.

Wenig später demonstrierten in Prag die Studenten für bessere Bedingungen. Die Polizei beendete die „Demo“ auf Geheiß von Novotný mit Knüppeln. Der konservative Parteichef und Präsident outete sich auch als Slowaken-Hasser. Deshalb wurde zum Parteichef der Slowakei nicht der von ihm vorgeschlagene Kandidat gewählt, sondern Alexander Dubcek. Ein in der Öffentlichkeit unbekannter Politiker, der seine Jugendjahre in der Sowjetunion verbrachte und 1955 bis 58 in Moskau an der Parteihochschule Politologie studiert hatte.

Eine Woche vor Weihnachten 1967 kritisierte Dubcek bei der planmäßigen Sitzung des Zentralkomitees in Prag unerwartet und vehement Novotný. Während die konservativen Kräfte um Novotný dachten, dass die Kritik wie üblich im Sand verlaufen würde, stand ?ik auf und forderte die Trennung der Ämter des Präsidenten und des Parteichefs sowie die Einleitung wirtschaftlicher Reformen. Die Abstimmung zwischen den Linksdogmatischen und dem reformwilligen Parteierneuerer endete unentschieden. Novotný ließ vertagen, er hoffte auf Unterstützung aus Moskau. Nachdem er aber dort inzwischen im Misskredit geriet und Breschnew seinem Schulfreund Dubcek eher zutraute, den Unruhen im sowjetischen Sinn ein Ende zu bereiten, resignierte der Staatschef. Er behielt das machtpolitisch unbedeutende Amt des Präsidenten, zum Parteichef wurde mit knapper Mehrheit Dubcek gewählt. Nicht, weil er damals schon so populär gewesen wäre, eher als Kompromiss. Damals war er noch nicht der Reformer, als der er später bekannt wurde. Alle, die radikalen Reformer wie auch die Dogmatiker dachten damals, dass er sie nicht stören, sondern werken lassen würde, ohne sich selbst groß einzubringen.

Obwohl Dubcek zu Beginn stets darauf bedacht war, sich nicht den Zorn der anderen Ostblockstaaten zuzuziehen, und obwohl das damals erst angedachte Aktionsprogramm nur wenige Spuren der Wirtschaftsreform und der Veränderung des Kurses ahnen ließ, markierte der Führungswechsel den Auftakt zum späteren Reformkurs. Dieser wurde dann in Verbindung mit dem immer stärker werdenden Druck der tschechischen und slowakischen Öffentlichkeit zum Phänomen „Prager Frühling“.

Die Parteispitze reagierte zunächst gelassen, die konservativen Kräfte versuchten, alles vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Aber es gab andere, die nicht geschwiegen haben. Als Erster erklärte die Lage in der Zeitung Josef Smrkovský, später Parlamentspräsident und einer der Volkstribunen des „Prager Frühlings“. Noch weiter ging der Vorsitzende des Schriftsteller-Verbandes Eduard Goldstücker, der im Rundfunk eine bessere Politik gegenüber der Intelligenz und der Jugend sowie eine Umorientierung des Parteikurses forderte. Erste Zeitungen fingen an, wahrheitsgemäß zu informieren. Dubcek versicherte die Zugehörigkeit zu den sozialistischen Brüdern, betonte aber, dass die Tschechoslowakei einen eigenen Sozialismus mit menschlichem Antlitz anstreben will. Die Tschechen blieben stets friedlich: Auch später, als sie mit Worten gegen Panzer kämpften.

Ein Meilenstein in der Entwicklung war der 4. März 1968, an dem die Zensur abgeschafft wurde. Wenige Tage später gab es eine Podiumsdiskussion im Prager „Slovanský dum“. Ich saß unter den 6000 Zuhörern und wollte gar nicht glauben, was die Redner um die Politiker Smrkovský und Gustav Husák sowie die Schriftsteller Kohout und Goldstücker über die Reformen erzählten. Noch erstaunlicher war, dass mein Schuldirektor, dem ich am nächsten Tag erzählte, dass ich dabei war, statt eines Verweises angeordnet hat, dass ich das Gehörte per Lautsprecher den Mitschülern erzählen soll. Spätestens da wurde mir klar: In der Tschechoslowakei weht ein neuer Wind.

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