Räumung

Protestsonntag am Hambacher Forst: Mehrere Tausend Demonstranten stehen der Polizei gegenüber

Seit Tagen räumt die Polizei Baumhäuser im Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen. Am Sonntag bekamen die Waldbesetzer moralische Unterstützung – einige von ihnen durchbrachen eine Polizeisperre.

Eine Kettensäge dröhnt im Hambacher Forst, ein Baum stürzt knirschend zur Seite. Die Motoren riesiger Hebekranfahrzeuge brummen. Eines von ihnen hievt, an einem Haken angeseilt, vier behelmte Männer mehr als 35 Meter in die Höhe, bis über die Baumwipfel. Von dort seilen sich die Spezialkräfte in ein Baumhaus ab, um die Bewohner zur Aufgabe zu bewegen. Wer sich weigert, wird gewaltsam mit nach unten genommen.

Aktionen wie diese sind jetzt fast schon Routine im Hambacher Forst bei Köln, wo seit Donnerstag die Baumhäuser der Klimaaktivisten geräumt und zerstört werden. Am Sonntagmorgen sind sogar zwei junge Männer aus einem Schacht elf Meter unter der Erde geborgen worden. Die Kohlenstoffdioxid-Konzentration sei lebensgefährlich hoch gewesen, sagt Feuerwehrsprecher Oliver Greven.

Der Energiekonzern RWE will ran an die unter dem Wald gelegene Braunkohle, deshalb soll dort bald gerodet werden. Die Waldbesetzer wollen das verhindern – und nicht nur sie: Mehrere Tausend Unterstützer sind an diesem Sonntag zum Waldrand gekommen, um für den Erhalt von „Hambi“ zu protestieren.

Entlang den Rübenäckern parken in endloser Reihe Autos aus Aachen, Köln, Essen, Münster und vielen anderen Städten. In den Wald dürfen sie nicht, den hat die Polizei abgesperrt. So bleibt nur das platte Land unter den Hochspannungsmasten. Ein Schild weist den Weg zur ehemaligen Cartbahn von Michael Schumacher. „Mensch“, wundert sich Heinz Stein, der hier sonst meist ganz allein mit seiner Frau Hedwig spazieren geht. „Wo kommen die alle her?“

In der Mittagssonne schieben sich die Massen etwas ziellos über die Landstraßen. Entnervt setzt ein Teenager einen alten Farbeimer ab, in dem jetzt ein kleines Bäumchen wächst. „Mama, mir reicht’s!“, sagt er. „Was ist denn jetzt der Plan?“ Die Mutter versucht ihn zu beruhigen. „Wir warten kurz, und dann gehen wir zum Bäumepflanzen.“ Sie sind beileibe nicht die einzigen. In Tüten und Töpfen schleppen viele Menschen junge Bäume zur Tagebaukante. Ein Aufforstungsprogramm der eher verzweifelten Art. „Geht noch mal Pipi machen und packt dann eure Bäumchen ein“, bittet ein Ordner.

Ein Cabriolet-Fahrer, der seinem Gesicht nach zu urteilen eher kein Verständnis für die Aktion hat, steht im Fußgängerstau und kann einfach nur warten. Eine Kapelle macht Musik, vorneweg schreitet ein Tubabläser. Es gibt Kaffee und Kinderschminken. Was alle hier verbindet, ist die Sorge ums Klima. „Ich bin hier, weil ich finde, dass Kohle nicht mehr abgebaut werden sollte“, sagt Patricia Strohmaier, eine junge Kunsthistorikerin aus Köln. „Dieser Energieträger hat ausgedient, und ich versteh auch nicht, warum man deshalb einen sehr alten Wald abholzen muss.“ Für Greenpeace spendet sie schon länger, aber das reicht ihr nicht mehr. „Man muss der Politik auch zeigen, dass man nicht einverstanden ist.“

Mehrere junge Männer rufen jetzt lautstark dazu auf, in den Wald zu stürmen: „Wir sind mehr als die Polizei, wir schaffen das!“ Tatsächlich schließen sich ihnen immer mehr Menschen an und laufen auf den Wald zu. „Wir sind mehr!“ und „Hambi bleibt!“, rufen sie. Am Waldrand stehen in langer Reihe die Polizeiautos. Aber die Demonstranten sind jetzt einfach zu viele. Etwa 200 schaffen es, die Polizeisperre zu durchbrechen und im Wald zu verschwinden. Ein Mann versucht es sogar mit seiner kleinen Tochter auf den Schultern. Die Menge applaudiert.

„Hambi bleibt!“, rufen die Demonstranten. Über eines dürfte Einigkeit bestehen: „Hambi“ bleibt noch lange ein Thema.

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