Analyse

Saarland: Warum Politiker des kleinen Bundeslands die Republik rocken

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Bodenständige Menschen, gutes Essen und eine gewisse Verlorenheit am Rande der Republik: Nein, das Saarland gehört nicht gerade zu den Brennpunkten der deutschen Politik. Dabei ziehen ausgerechnet Vertreter des kleinen Bundeslands kräftig an den Strippen der Macht in Berlin.

Beginnen wir den Artikel mit einem Witz. Etwa dem: „Bei welchem Schild ist das Wenden auf der Autobahn erlaubt? Antwort: Willkommen im Saarland!“ Haha. Noch einen zweiten gefällig? „Warum können saarländische Kinder kein Versteck spielen? Antwort: Weil keiner nach ihnen sucht.“ Hahaha.

Natürlich hat das Saarland witzemäßig kein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland – man denke nur an die in dieser Hinsicht durchgenudelten Ostfriesen. Wenn man so will, ist der Saarländer also phänotypisch eine Art Südwestfriese: Bewohner eines kleinen Landstrichs am Rande der Republik, und statt vom Meer umspült eingezwängt zwischen Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Lothringen. In anderen Worten: Seit dem verlorenen Qualifikationsspiel zur WM 1954 gegen Deutschland, der Eingliederung in die Bundesrepublik 1956 und den triumphalen Wahlerfolgen Oskar Lafontaines meist vergessen vor sich hindümpelnd.

Aber das dürfte sich jetzt ändern. Groko III sei Dank. Schließlich sorgt die Neuauflage von Schwarz-Rot dafür, dass mit Peter Altmaier (CDU), Heiko Maas (SPD) und Annegret Kramp-Karrenbauer (ebenfalls CDU) gleich drei Saarländer an vorderster bundespolitischer Stelle mitmischen. Und damit ist Nadine Schön, die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, noch nicht einmal mit eingerechnet.

Kein Wunder also, dass das kleinste Flächenbundesland derzeit in aller Munde ist. „Das Zentrum der Macht heißt Saarland“, lästerte die TV-Satiresendung „Heute Show“ dieser Tage und frotzelte verschwörerisch: „Eine popelige Million Einwohner, aber zwei saarländische Minister. Plus die neue CDU-Generalsekretärin. Zufall?“

Mag sein, zumindest in dieser hohen Konzentration. Aber wer die jüngere Geschichte betrachtet, erkennt schnell, dass das Winzland immer wieder reziprok proportional zu seiner Größe bedeutende politische Gestalten hervorgebracht hat. Bleiben wir jedoch zunächst in der Aktualität, die geradezu von einer Saarlandisierung Berlins gekennzeichnet ist.

Dafür sorgt vor allem Annegret Kramp-Karrenbauer. Deren gerne benutzte Abkürzung AKK erinnert nicht umsonst an die AK-47 Kalaschnikow. Denn wie das russische Maschinengewehr ist die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin ein Muster an Zuverlässigkeit in allen Lebenslagen. Hinzu kommen die ihr zugeschriebenen Eigenschaften: pflichtbewusst, solidarisch, kreativ und selbstbewusst. Angela Merkel wird also schon gewusst haben, warum sie die 55-Jährige zur CDU-Generalsekretärin und damit wohl zu ihrer wahrscheinlichen Thronfolgerin gemacht hat.

Natürlich dürfen auch die Männer der Schöpfung nicht unterschlagen werden. Haben schließlich, obwohl bereits in Berlin vertreten, gerade beachtliche Karrieresprünge hingelegt. Gut, Peter Altmaier, der Mann aus Ensdorf bei Saarlouis, hatte bisher schon als Kanzleramtsminister im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigen Einfluss. Dass er nun das Wirtschaftsministerium führen darf und damit quasi in die Fußstapfen von Ludwig Erhardt tritt – Chapeau.

Fehlt noch das „Heikochen“, wie Oskar Lafontaine einst über seinen politischen Ziehsohn spottete. Von wegen. Der 51-Jährige hat sich schwer gemausert, stieg erst vom Pechvogel und selbst im einstigen saarländischen Links-Biotop Gescheiterten zum Justizminister auf. Und nun jettet er als Außenministerium um die Welt – das Popularitätssprungbrett schlechthin. Selbst ein bisschen Glamour verbreitet der oft so spröde und leise daherkommende Jurist aus Saarlouis, seitdem er mit Schauspielerin Natalia Wörner liiert ist.

Wer ans Saarland denkt, hat Bilder wie die Saarschleife vor Augen. Oder die vor sich hinrostenden Industrieanlagen der Völklinger Hütte. Oder Kumpel in Steinkohlebergwerken, die vor Jahren dicht machten. Möglicherweise den frankophilen Tatort-Kommissar Max Palu. Die wenigsten werden sich an einen bedeutenden Saarländer erinnern, der am Ende zur tragischen Figur wurde. Die Rede ist von Erich Honecker, dem ehemaligen starken Mann der DDR. Er stammte ursprünglich aus Neunkirchen. Das wiederum liegt unweit eines Kaffs namens Niederwürzbach, wo ein gewisser Peter Hartz herstammt. Dessen Namen symbolisiert bis heute den sozialen Abstieg.

Fragt sich, warum es ausgerechnet Saarländer immer wieder auf die große politische Bühne schaffen. Darüber mag trefflich spekuliert werden. Unabhängig davon scheint dieser Zipfel im Südwesten einen besonderen Menschenschlag hervorzubringen. Dessen Mentalität charakterisierte Peter Altmaier unlängst in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit Fröhlichkeit, Selbsthilfe und Bodenständigkeit. Ein Beobachter attestierte den Saarländern einen besonderen Ehrgeiz, der sich aus den lange instabilen Herrschaftsverhältnissen in der Region nährte.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es vielen Saarländern auf ihrem Fleckchen Erde einfach mit der Zeit zu eng wird und es sie nach draußen treibt. Aber wie sagte Helmut Kohl, als Pfälzer immerhin ganz nah am Nachbarn dran: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt. “ Warten wir also ab, was die Saar-Connection der Bundespolitik bringt.

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