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Lutz Bernhardt, stellvertretender Chefredakteur.

Kommentar

Schulpolitik: Ein gesellschaftlicher Störfall

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Durch die Überlastung unserer Schulen pflanzt sich das Politikversagen in tausenden Schülerbiografien fort - und wird damit zum Nährboden für Demagogen. Ein Kommentar von Lutz Bernhardt.

Kürzlich beim Elternabend: Im Gespräch über eine eigentlich harmlose Meinungsverschiedenheit zwischen einem Vater und der Klassenlehrerin schlagen die Wellen hoch. Alle reden durcheinander, werden laut. Irgendwann springt der Vater auf und verlässt tobend die Runde, schlägt die Tür vom Klassenzimmer zu, so dass die Wände wackeln. In dieser Szene hat sich plötzlich entladen, was sich offenbar schon lange an Überforderung, Frust und Unsicherheit auf allen Seiten angestaut hatte.

Und zur traurigen Wahrheit gehört, dass sich Ähnliches Tag für Tag an Hessens Schulen abspielt. Lehrer werden in Whatsapp-Gruppen als faul und inkompetent beschimpft; Eltern sind ratlos, wenn sie sehen, wie ihr Kind im Belastungsstrudel des Schulalltags buchstäblich aus dem Sichtfeld der Lehrer verschwindet. Dass eine Schule an das Staatliche Schulamt eine sogenannte Überlastungsanzeige stellt, gehört praktisch zum Alltag – alleine von Januar bis November 2017 haben 11 von 15 Frankfurter Gesamtschulen zu diesem Mittel gegriffen. Wohl gemerkt: Nach dem Arbeitsschutzgesetz bedeutet eine solche Anzeige, dass die Lehrer ihre Gesundheit und Sicherheit unmittelbar gefährdet sehen. So etwas unterschreibt niemand, weil er mal einen schlechten Tag hatte. Die Frankfurter Grundschulen haben Anfang 2017 einen Brandbrief in Richtung Wiesbaden geschickt, weil deren Überlastungsanzeigen zuvor praktisch ins Leere gelaufen sind.

Was ist nur los an Hessens Schulen? Sind das immer Einzelfälle? Nein, das Chaos hat System. Die Überlastungsanzeigen folgen ganz konkret auf das Ausufern des Aufgabenspektrums der Lehrer. Das beginnt mit dem Verschieben von Erziehungsaufgaben aus dem elterlichen in den schulischen Bereich. Hinzu kommt immer mehr zeitfressende Verwaltungsarbeit. Die größte Last ergibt sich aber aus den Mammutaufgaben Integration und Inklusion.

Hier wurden – zu Recht – gesellschaftspolitische Ansprüche formuliert. Aber dann lief die Diskussionsmaschinerie heiß, alle Akteure positionierten sich, Gesetze wurden gemacht. Ein absolut legitimer Wunsch, ein Ideal vom besseren Zusammenleben, wird bis zur Unkenntlichkeit durchverwaltet, versickert in Zahlenmodellen, kommt als Rechtsanspruch wieder an die Oberfläche, taucht in Prozessakten auf. Am Ende wird eine ehemals gut gemeinte Sache dann zum Brandsatz, wenn an der Basis keiner weiß, wie es denn gehen soll.

Weil Wunsch und Realität nicht zusammenpassen. Weil auf halber Strecke dann doch der politische Mut fehlt, sich mit der Praxis wirklich auseinanderzusetzen. Die Situation an vielen Schulen lässt sich auf einen Nenner bringen: Es fehlen die Förderlehrer, Sozialpädagogen und Psychologen, um die gesellschaftlich gewünschten Aufgaben zu erfüllen. Es fehlt Geld für zusätzliche Unterrichtsstunden. Es fehlen Leitlinien, die verbindlich regeln, wie genau beispielsweise Inklusion und Integration pädagogisch und organisatorisch umgesetzt werden sollen. Es fehlt vor allem aber die Bereitschaft seitens der Politik, sich ideologiefrei mit den Problemen an der Basis zu beschäftigen. Durch die Überlastung unserer Schulen pflanzt sich das Politikversagen in tausenden Schülerbiografien fort – und wird damit zum Nährboden für Demagogen.

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