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Theresa May bei ihrem TV-Auftritt

Nervosität vor der unverlierbaren Wahl

Schwächelt Theresa May im Endspurt?

Noch vor zwei Wochen lagen die Konservativen unter Premierministerin Theresa May so weit vorn, dass in den Medien nur noch die Frage aufkam, wie groß ihre absolute Mehrheit ausfallen würde. Doch seit Anfang vergangener Woche holt Labour auf. Das hat viele Gründe, einer davon dürfte auch das Attentat von Manchester sein. Am Montagabend stellten sich Oppositionschef Jeremy Corbyn und Theresa May in einer indirekten TV-Debatte der Öffentlichkeit.

Es darf davon ausgegangen werden, dass hinter der Türen von Nummer Zehn in Downing Street bereits alles für den Erdrutschsieg vorbereitet war. Premierministerin Theresa May erwartete für den 8. Juni nichts anderes als eine überwältigende Mehrheit, als sie im April überraschend Parlaments-Neuwahlen ausrief. Monatelang hatte sie betont, keine vorgezogene Abstimmung abhalten zu wollen, dann die Kehrtwendung. Doch die Versuchung war geradezu übermächtig, als dass May ihr hätte widerstehen können. Sämtliche Meinungsforschungsinstitute ermittelten einen riesigen Vorsprung vor der oppositionellen Labour-Partei, die sich auf dem Weg der Selbstzerstörung befand. Ganze 24 Prozentpunkte sahen sie May in Führung vor den Sozialdemokraten unter Jeremy Corbyn. Die Wahl, sie galt als unverlierbar. Und May wollte sich auf diese Weise ein Mandat verschaffen und die knappe Mehrheit im Parlament ausbauen, um eine freie Hand für die Brexit-Verhandlungen zu haben.

Gut eine Woche vor der Abstimmung hat sich die Situation geändert. Im Zirkel der Tories herrscht Nervosität, denn der Vorsprung schmilzt dahin, wie mehrere Umfragen am Wochenende ergaben. Das liegt zum einen am konservativen Wahlprogramm, laut dem unter anderem Rentner der Mittelklasse stärker zur Kasse gebeten werden sollen. Zum anderen am schlechten Wahlkampf, der extrem auf die Person May zugeschnitten ist. Aber auch der schreckliche Terroranschlag in Manchester, bei dem ein Selbstmordattentäter am Montag vergangener Woche 22 Menschen tötete, schadet offenbar den Konservativen. Zwar hatten die Parteien die Kampagnen für wenige Tage ausgesetzt, doch schon am Wochenende begannen alle Seiten, den Anschlag zu instrumentalisieren. Gleichzeitig warfen sie sich genau das einander vor. Das Problem für die Tories: Die Innenministerin, die in ihrer sechsjährigen Amtszeit tausende Polizeistellen strich, hieß ausgerechnet Theresa May.

Am Montag stellten Corbyn und die Premierministerin sich im Fernsehen erst Fragen der Wähler, danach eines Moderators. Nicht zusammen, sondern nacheinander, einen direkten Schlagabtausch zwischen den beiden Kandidaten hatte May abgelehnt. Der Grund war schnell erkennbar: Wie bereits seit Wochen präsentierte sie sich als „schlechte Wahlkämpferin“, wie etliche Beobachter auf Twitter anmerkten, wirkte „nervös und wackelig“. Zwar hielt sie sich mit ihrem Dauerslogan, das Land brauche eine „starke und stabile Führung“ zurück, doch auch mit konkreten Inhalten. Und als ein Polizist im Publikum nach den „verheerenden“ Stellenstreichungen fragte, kam sie ins Straucheln. Nur beim Thema Brexit konnte sie punkten. Abermals betonte sie, kein Abkommen mit der EU am Ende der Verhandlungen sei besser als ein schlechter Deal. Diese harte Linie kommt zwar bei trotzigen Brexit-Anhängern an, die Mehrheit der Ökonomen bezeichnet solch ein Szenario jedoch als Katastrophe. Corbyn wirkte zur Überraschung zahlreicher Zuschauer souverän, witzig und überzeugend. Wie seit Wochen lenkte er die Aufmerksamkeit auf innenpolitische Angelegenheiten und weg vom Brexit. Investitionen in Bildung und Erziehung, in das Gesundheitssystem und in die Polizei – es sind diese Themen, mit denen Labour die Aufholjagd begann und fortsetzen will. Corbyn betonte, dass ein außenpolitischer Wandel notwendig sei. Man brauche weltweit eine Politik, „die es nicht zulässt, dass es große Gebiete ohne eine effektive Regierung gibt – wie etwa gegenwärtig in Libyen –, die zu einem Nährboden für massive Gefahren für uns alle werden können“.

Auch wenn die Labour-Partei aufholt, ist es unwahrscheinlich, dass die Konservativen am 8. Juni verlieren. Noch immer gilt der Alt-Linke Corbyn für viele Briten als unwählbar und enge Parteikollegen irritieren regelmäßig mit peinlichen Interviews. Doch für Theresa May wird es sich bereits als Niederlage anfühlen, sollte sie am Ende keinen historischen Sieg feiern können. Was, wenn sich an den Mehrheitsverhältnissen im Parlament nicht viel ändert? Dann dürfte ihre Position, auch innerhalb der Partei, deutlich geschwächt sein. Und die mittlerweile abstimmungsmüden Briten werden sich fragen, warum sie überhaupt schon wieder zur Wahl aufgerufen wurden.

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