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Seehofer muss sich selbst wieder einfangen

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Von: Cornelie Barthelme

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Vor schwieriger Aufgabe auf dem Parteitag: Horst Seehofer
Vor schwieriger Aufgabe auf dem Parteitag: Horst Seehofer © Peter Kneffel (dpa)

Wenn die CSU ab heute Parteitag hält, muss Horst Seehofer seiner Partei nicht nur Angela Merkel schönreden. Vor allem muss er sie davon überzeugen, weiter an ihn zu glauben, auch an alles, was er sagt – und selbst an das, was er verschweigt.

Von Berlin aus betrachtet ist die CSU, selbst wenn sie Regierungspartei im Bund ist, ein ziemlich undurchschaubares Wesen. Das liegt nicht allein an Horst Seehofer und seinem Hang zur Sprunghaftigkeit. Es liegt vor allem daran, dass die CSU sich von sämtlichen anderen Parteien der Republik so grundsätzlich unterscheidet. Von der Ausbreitung ist sie nur eine Regionalpartei – vom Anspruch aber ein Global Player, ein Unternehmen mit Weltgeltung. Mindestens die gut 144000 Mitglieder halten die CSU für den FC Bayern unter den politischen Clans.

Die SPD und der HSV

Verglichen damit ist die SPD seit einem Jahrzehnt der HSV der Polit-Bundesliga: ständig vom Abstieg bedroht, ständig neue Vorturner – die Ergebnisse bleiben trotzdem mies. Die CDU aber ist eine unwirkliche Melange, eine Art Werder Bremen mit Pep Guardiola auf der Bank: immer im Spiel – aber Glamour hat und global gilt nur der Chef etwas. Und falls der – oder bei der CDU: die – schwächelt…

Auch die CSU kennt die Gefahr, die dann lauert: Machtverlust. Sie hat ihn erlitten. 2008 musste sie mit der FDP koalieren. Aus der Katastrophe erlöste sie 2013 Horst Seehofer. Seitdem ist er für die Christsozialen so etwas wie ihr Messias. Selbst wenn sie ihn oft nicht verstehen: Sie glauben und sie folgen ihm.

Das alles muss bedenken, wer die CSU des Jahres 2016 betrachtet – erst recht jene, die ab heute in München Parteitag hält. Auch Parteitage sind, nebenbei, grundlegend anders hier. CDU und SPD rufen aus 15 bis 16 Bundesländern rund 600 Delegierte zusammen – die CSU aus Bayern allein um die 1000. Wenn bei den anderen das mittlere Parteimanagement diskutiert, redet bei den Christsozialen die sogenannte Basis mit. Und gerne. Und manchmal auch laut. Mitunter entwickeln sich solche Treffen dann ein bisschen bis ziemlich weg von dem, was die Parteitags-Regie ertüftelt hat. Und vorab als wünschenswert kommuniziert.

Aktuell allerdings üben die Strategen des Franz-Josef-Strauß-Hauses sich in ungewohnter Defensive. Ihr Dauerbrenner „Kommt sie – oder nicht?“ ist abgesetzt, seit der Vorsitzende am Montag dem Parteivorstand offiziell mitteilte, was ohnehin schon durch alle sozialen und sonstigen Kanäle gerauscht war: Die Kanzlerin bleibt dem Bayern-Hochamt in diesem Jahr fern; es gehe um Ehrlichkeit, soll Seehofer gesagt haben.

Falls er ehrlich ist, zumindest ein bisschen, dann muss Seehofer wenigstens sich selbst gesagt haben, dass er sich übers Jahr, und besonders beim vorigen Parteitag ein Problem geschaffen hat, das er nun lösen muss. Und zwar rasch. Er muss seine Christsozialen von den Bäumen herunterholen, auf die er sie gejagt hat mit all seinen Sticheleien und Brachialvorwürfen gegen die Kanzlerin. Aber wie kann er die Basis davon überzeugen, dass dieselbe Angela Merkel, die er öffentlich heruntergeputzt hat wie ein unartiges Kind, nun wieder die Hoffnungs- und Lichtgestalt der gesamten Union sein soll?

Die CSU hat der Anti-Merkel-Kurs durch und durch geschüttelt. Noch mehr aber die Kritik der Kirchen an den Antworten auf die Flüchtlingsfrage, die Seehofer gab namens der Partei. Und Markus Söder, der ihm schleunigst nachfolgen will in allen Ämtern und Posten. Und Andreas Scheuer, der Generalsekretär. Als letzterer über ministrierende Senegalesen schwadronierte, rügte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, das C im Parteinamen sei allenfalls noch zu verstehen „als Zielvorgabe“.

Einen wirklichen Christsozialen trifft das ins Mark. So wie er seine Partei mit Bayern gleichsetzt – so versteht er vor allem die römisch-katholische als ihre ureigene Kirche. Was soll werden, wenn all dieses Festgefügte ins Wanken gerät?

So gesehen hat Horst Seehofer Glück, falls der Parteitag sich – auf den Fluren, wo bei jeder Partei die wirklich wichtigen Diskussionen und Gespräche geführt werden – wirklich vor allem mit der K-Frage aufhalten sollte. Denn tatsächlich steht die CSU vor einem Berg von Fragen – und Horst Seehofer antwortet nicht.

Der Sound der AfD

Soll Merkel, so sie wieder antritt, unterstützt werden? Nominiert die CSU einen eigenen Spitzenkandidaten – und falls ja: wen? Will Seehofer Parteivorsitz und Ministerpräsidenten-Amt wirklich trennen? Und wann? Wird er tatsächlich bei der Bayern-Wahl 2018 nicht mehr kandidieren? Falls ja: Wann tritt er ab? Und wer soll sein Nachfolger sein? Und was wird dann aus ihm? Ach, und die vielleicht allerwichtigste: Reicht es, den Sound der aggressiven Konkurrenz am rechten Rand zu kopieren, um die AfD in Bayern kleiner zu halten als im Rest der Republik? Wird alles gut, wenn im Entwurf für das neue Programm Sätze stehen wie „Heimatliebe und gesunder Patriotismus gehören zusammen“?

In Berlin klingt schon das Wörtchen „gesund“ in diesem Zusammenhang vielen – auch Christdemokraten – fatal. Dass Merkel im CDU-Präsidium gesagt haben soll, es sei „nicht so wichtig“, ob sie nun in München dabei sei oder nicht, halten auch Unionisten, die es nicht selbst gehört haben, für mindestens plausibel bis maximal gescheit. Und hinter vorgehaltener Hand flüstern manche, so rasch wie die Union auseinandergetrieben worden sei, kriege auch und gerade ein Seehofer sie nicht wieder vereint.

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