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Señora Ribas’ Gespür für Mord

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Reichlich Mordutensilien: Autorin nebst Bleistiften im Arbeitszimmer.
Reichlich Mordutensilien: Autorin nebst Bleistiften im Arbeitszimmer. © Yvonne Späne

Stimmengewirr wabert durch den kleinen Raum, eine Kaffeemaschine zischt hinter der Theke, Geschirr klappert. Die übliche Geräuschkulisse eines beliebten Cafés im Frankfurter Nordend, in dem um 10

Stimmengewirr wabert durch den kleinen Raum, eine Kaffeemaschine zischt hinter der Theke, Geschirr klappert. Die übliche Geräuschkulisse eines beliebten Cafés im Frankfurter Nordend, in dem um 10 Uhr vormittags fast alle Plätze besetzt sind. Eigentlich, so sollte man meinen, ein Unding für jemanden, der kreativ arbeiten möchte. Nicht so für Rosa Ribas.

„Die Geräusche stören mich nicht“, sagt die Frau mit den halblangen dunkelbraunen Haaren, die kontrastiert werden von einer grauen Strähne. Sie befinde sich wie unter einer Glocke, fügt sie hinzu und malt mit ihren Händen einen halbrunde Form um sich herum. In der Tat wirkt sie wie jemand, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Mit freundlichem, offenem Gesichtsausdruck sitzt sie an dem kleinen runden Tisch inmitten des Trubels. Vor sich eine Tasse Cappuccino, Smartphone und ein schmales Federmäppchen aus braunem Leder – gefüllt mit Mordutensilien. Davon aber später mehr.

Zugegeben, das klingt jetzt etwas drastisch, aber wer sich mit Rosa Ribas näher beschäftigt, erkennt schnell, dass diese Frau einiges auf dem Kerbholz hat. Genauer gesagt handelt es sich bei der 53-Jährigen um eine Frau, bei der Gewalttaten ein Produkt der Fantasie sind, die sie in ihren Romanen auslebt. Viele Ideen entwickelt Ribas in ihrem Stammcafé, quasi ihr zweites Arbeitszimmer. So auch für ihren neuen Roman mit dem Titel „Sonst ist er tot“, der am 9. Mai erscheint.

Kultureller Spagat

Es ist bereits der vierte Band einer Krimireihe um die Frankfurter Kommissarin Cornelia Weber-Tejedor. Die Protagonistin entstammt einer deutsch-spanischen Familie, die in Deutschland aufgewachsen ist, die aber, wie der Name deutlich macht – Tejedor heißt übersetzt Weber –, dass hier ein Spagat zwischen beiden Kulturen stattfindet. Ähnlich wie bei ihrer Erschafferin.

Aber der Reihe nach. Rosa Ribas stammt aus El Prat de Llobregat, einer Industriestadt südwestlich von Barcelona. Nach einem Studium der spanischen Philologie zog es sie nach Deutschland. „Ich hatte Lust, in einem anderen Land zu leben und zu erfahren, wie es ist, dort fremd zu sein“, sagt sie über ihre ursprüngliche Lebensplanung, ein Jahr Auslandserfahrung zu sammeln. Es sollte ganz anders kommen. Nachdem die junge Frau zunächst nach Berlin gegangen war, auch um dort ihr Deutsch zu verbessern, aber nicht mit dem Dialekt klarkam, wechselte sie nach Frankfurt – sie hatte dort ihren heutigen Mann kennengelernt.

Beruflich schlug Ribas zunächst eine akademische Laufbahn ein, wurde Lektorin für Spanisch an der Goethe-Universität. In der Mainmetropole traf sie zugleich auf viele Spanier aus der zweiten Generation von Auswanderern. Und sie erkannte dabei, dass die Frage der Identität und die Auseinandersetzung mit der Fremde „viel Potenzial hatte“, wie sie sagt. Eine der wichtigsten Erfahrungen in ihrem Leben, wie sie sagt, und ein Hauptmotiv für ihre Schriftstellerkarriere.

Der Blick von dem alten, weißen Holztisch aus geht durch ein hohes Fenster auf die efeubewachsene Giebelwand des Nachbarhauses. Eine beruhigende und zugleich inspirierende Aussicht, bei der man es sich gut vorstellen kann, wie sich die einzelnen Stränge einer Geschichte entfalten wie die feinen Arme der immergrünen Kletterpflanze. Schauplatz ist ein Raum mit hoher Decke einer Altbauwohnung in einer ruhigen Nordend-Seitenstraße. Hier ist Rosa Ribas zu Hause und hier läuft die Hauptarbeit an den Romanen ab, mit denen sich die Spanierin seit rund zehn Jahren einen Namen macht.

Ihr Debüt als Autorin feierte sie 2006 mit einem historischen Roman, der nur in Spanien erschienen ist. 2007 veröffentlichte sie den ersten Krimi ihrer Reihe mit Kommissarin Cornelia Weber-Tejedor – und gewann damit prompt den spanischen Krimipreis, Zwei Jahre später erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Kalter Main“. Wie die Resonanz ihrer Landsleute auf den Schauplatz Frankfurt ist? Sehr neugierig seien sie auf die Stadt, sagt Ribas. „Wenn Spanier nach Deutschland kommen, gehen sie in der Regel nach Berlin, München oder Köln“, sagt Rosa Ribas. „Frankfurt ist nicht so bekannt.“

Vordergründig handelt das Buch von einem Mord in der spanischen Gemeinde Frankfurts verwoben mit einer Zeitreise zurück in die 60er-Jahre, als die ersten Gastarbeiter von der iberischen Halbinsel in der Stadt Lohn und Brot suchten – und oft eine neue Heimat fanden.

Eine Portion Psychothriller

Die Vergangenheit spielt auch in „Sonst ist er tot“ eine Rolle. Dieses Mal geht es jedoch in erster Linie um eine Auseinandersetzung von Weber-Tejedor mit sich selbst, ihrer Familie und ihrer privaten sowie beruflichen Umgebung. Viel Persönliches also inklusive der Frage, weshalb sie Polizistin geworden ist. Ribas verpackt die Geschichte, so viel sei verraten, in die komplexen Ermittlungen um eine Entführungswelle und um Korruption. Garniert wird das Ganze mit viel Empathie und einer Portion Psychothriller-Horror.

Natürlich gibt es die eine oder andere Leiche, falsche Fährten, Sackgassen und überraschende Wendungen. Aber im Grunde handelt es sich, wie bei anderen Ribas-Werken, um einen als Krimi verkleideten Gesellschaftsroman. Ein erfrischender Aspekt dabei ist der Blickwinkel: Obwohl sie seit 23 Jahren am Main lebt, perfekt Deutsch mit südlicher Färbung spricht, hat sie sich eine Außensicht auf Stadt und Gesellschaft und deutsche Mentalität bewahrt. Diese Perspektive habe ihr viele Ideen gebracht, sagt Ribas. „Im Grunde war es die Beziehung zu Frankfurt, die mich zur Mörderin gemacht hat

Bei all dem setzt Ribas nicht auf effekthascherische Bluttrünstigkeit. Sie möchte ihren Figuren Tiefe geben, erzählen, was sie erleben. Der Leser erinnere sich später an die Protagonisten, sagt Ribas – wie an Philip Marlowe in den Chandler-Romanen. „Wer der Mörder ist, ist nicht so wichtig.“ Ein weiteres Markenzeichen von Ribas ist, dass sie den Romanfiguren Raum zur Entfaltung und Entwicklung gibt.

Ein Prinzip, an das sie sich auch bei einer zweiten Serie hält, an der Ribas parallel zu den Frankfurt-Krimis arbeitet. Diese spielt in ihrer alten Heimat Barcelona. Allerdings nicht in der Gegenwart, sondern in den 50er-Jahren, als das Land noch unter der Knute von Diktator Franco stand. Hauptfigur ist die junge Journalistin Ana Martí, die beim Lösen mysteriöser Mordfälle auch in den politischen und gesellschaftlichen Widersprüchen der Nachkriegsgesellschaft herumstochert. Vor kurzem ist der zweite Band auf Deutsch erschienen.

Was sie an der Epoche gereizt hat? „Es ist eine Möglichkeit, die Zeit, die meine Eltern erlebt haben, zu erzählen“, sagt Ribas. Gerade ihr Vater sei eine wichtige Quelle – „er hat ein fantastisches Gedächtnis“. Nicht zuletzt ist es eine Auseinandersetzung mit einer wichtigen Epoche in der Geschichte ihrer Heimat. Während Deutschland sein Wirtschaftswunder erlebte, gab es in Spanien den Umbruch von Armut und Hunger zu einem einigermaßen normalen Leben. Dies begleitet von den noch nicht verheilten Narben, die der spanische Bürgerkrieg hinterlassen hat, der bis heute nicht aufgearbeitet ist.

Bei ihren Landsleuten habe die Ana-Martí-Reihe großen Erfolg gehabt, sagt Ribas, die oft in Leseclubs auftritt, die von Büchereien organisiert werden. „Viele Leute, die selbst die Zeit erlebt hatten, haben einen solchen Bedarf darüber zu reden“, stellt die Autorin bei diesen Gelegenheiten fest. „Man hat zu lange darüber geschwiegen.“

Töten mit dem Bleistift

Dennoch heißt es in allzuferner Zukunft Abschied nehmen von Ana Martí und von Cornelia Weber-Tejedor. Die eine Serie hat Ribas als Trilogie angelegt, die Frankfurt-Krimis sind auf fünf Bände beschränkt. Eine Endlosserie wolle sie nicht schreiben. Das sei dann wie eine schlechte Ehe. Dann lieber die rechtzeitige Trennung, auch wenn es schmerzhaft ist. Das sei gerade bei Weber-Tejedor der Fall, mit der Ribas eine lange Beziehung verbindet. Wie viel von ihr in der Kommissarin steckt? „Mehr als ich dachte“, sagt sie . „Und nicht nur in dieser, auch in den Bösewichten.“

Aber Rosa Ribas richtet auch den Blick nach vorne. Sie habe bereits eine Idee für eine neue Reihe. Und für diese wird sie dann während des Schreibenprozesses wieder jeden Tag ihr Stammcafé aufsuchen. „Ich muss jeden Morgen aus dem Haus gehen“, erklärt sie das, „ich brauche eine körperliche Spannung, damit ich arbeiten kann.“

Mit im Gepäck wird sie die erwähnten Mordutensilien haben, sprich die Bleistifte, mit denen Ribas zunächst ihre Geschichten entwickelt. Zu dem Schreibgerät hat sie eine besondere Beziehung entwickelt, nennt die Stifte ihre „kleinen Helden“, bei denen sie manchmal das Gefühl habe, dass sie selbstständig schreiben würden. Auch Stummel entsorgt sie nicht einfach, sondern sammelt sie in einem Rahmen, ihrem „Altersheim für Bleistifte“, wie sie es nennt. Und sie hat kleine, vermenschlichte Geschichten kreiert, die ein Zeichner grafisch umsetzt und die sie auf ihrer spanischsprachigen Webseite veröffentlicht. Blut fließt dabei übrigens keines – bisher jedenfalls.

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