1. Startseite
  2. Politik

Die späte Freude an der Wissenschaft

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Günther Böhme macht sich als Philosophieprofessor um die Senioren verdient. Seine Fangemeinde ist groß, denn mit seinen 92 Jahren ist er für viele ein Vorbild.
Günther Böhme macht sich als Philosophieprofessor um die Senioren verdient. Seine Fangemeinde ist groß, denn mit seinen 92 Jahren ist er für viele ein Vorbild. © Christian Christes

Wenn Günther Böhme über die sieben Künste des Aristoteles philosophiert, herrscht gebannte Stille in Hörsaal II. Er weckt bei den Senioren Begeisterung für die Wissenschaft.

Von Stefan Röttele

Da soll noch mal einer sagen, alte Menschen wären nicht attraktiv. Günther Böhme ist 92 Jahre alt und die Frauen lieben ihn. „Also, so ein toller Mann. Eine Ausnahmeerscheinung. Und ein Wissen hat der, das ist so groß, dass es eigentlich gar nicht in einen Kopf passen kann. Er hat mir den Blick über den Tellerrand ermöglicht“, schwärmt die 20 Jahre jüngere Marita Schickling.

Sie ist nicht die einzige unter den 250 Besuchern von Böhmes Aristoteles-Vorlesung in Hörsaal II am alten Uni-Campus in Bockenheim. Charmant kündigt Böhme den Besuch der Presse an: „Wir haben heute einen Journalisten in unserer Mitte, also lassen Sie uns gemeinsam dafür Sorge tragen, dass wir uns heute nicht daneben benehmen.“ Da kichern nicht nur die älteren Damen keck auf.

Eine tolle Stimmung

Die Stimmung könnte gelöster nicht sein bei der Universität des Dritten Lebensalters (U3L), dem Senioren-Studium an der Goethe-Universität Frankfurt. Wer hier studiert, blickt meist auf ein Berufsleben zurück und muss sich nichts mehr beweisen. Es gibt weder Prüfungen noch Abschlussnoten. Der ein oder andere Dozent lässt Referate halten – das war es aber auch. Im Mittelpunkt stehen andere Ziele: den Horizont zu erweitern, geistig in Bewegung zu bleiben. In der „Bild“-Zeitung erschien kürzlich ein Bericht über eine 97-Jährige an der U3L. In der Statistik wird auch ab und an ein 40-Jähriger geführt. Altersbeschränkungen gibt es nicht. Die meisten der 3600 Teilnehmer sind aber zwischen 60 und 80. Zwei Drittel sind weiblich. 40 Prozent haben nie Abitur gemacht.

„Ich bin jetzt seit 2004 dabei. 22 Semester – unter normalen Bedingungen wäre ich längst Langzeitstudent“, lacht der 71-jährige Rentner Armin Merkel. Nach seinem aktiven Berufsleben als Techniker sei ihm klar geworden, dass etwas passieren müsse. „Nur Straße fegen und Rasen mähen geht nicht.“ So pilgert er Jahr für Jahr zu Böhme. „Er hat so ein gewaltiges Wissen. Bei ihm lernen die Menschen noch, wie ganze Sätze gehen. Und wenn er in ein anderes Themenfeld abbiegt, findet er immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Mit 92 Jahren, stellen Sie sich das nur mal vor!“ Seine Banknachbarn – ein Steuerberater und ein Mediziner im Ruhestand – nicken voller Hochachtung. In gewisser Weise ist Böhme ihr aller Vorbild. Während Merkel sich ganz auf das Zuhören konzentriert und sich dazu extra in die erste Reihe gesetzt hat, schreiben andere eifrig mit – Marita Schickling sogar in Stenografie-Schrift, eine Technik, die sie früher gelernt hatte. „30 Jahre hatte ich vergessen, wie das geht. Hier war es von einem Tag auf den anderen plötzlich wieder da.“ Zuhause arbeitet sie die Mitschriften dann zu vollständigen Skripten aus. Auch Schickler geht seit Jahren zu Böhme, kann Schlüsselworte in seinem Vortrag aus der Erinnerung vervollständigen. Als ein Senior-Kommilitone sie flüsternd fragt, übersetzt sie sogar souverän altgriechische Begriffe ins Deutsche. „Ich war früher im Export tätig, dafür brauchte man kein Abitur“, sagt sie. „Hier bei der U3L haben sich viele das ermöglichen können, was uns als einfachen Leuten nach dem Krieg nicht vergönnt war. Politik und Geschichte – das ist doch das Wesentliche, das heute oft zu kurz kommt! Der Mensch braucht diese geistige Nahrung.“

Natürlich geht es in dieser Vorlesung gemächlicher zu als im Regelbetrieb der durchgetakteten Hochschule. Böhme lässt sich und seinen Hörern Zeit, gestattet sich, während er den Lehrplan der sieben Künste nach Aristoteles ausbreitet, Exkurse. Er entführt das Publikum in seine Jugend, beschreibt, wie er durch Auswendiglernen von Goethes „Maximen und Reflexionen“ überhaupt erst zu lernen lernte, kokettiert mit seinen bescheidenen Fähigkeiten im Malen und Zeichnen, bezeichnet sich selbst demütig als „kleiner Epigone“ gegenüber Aristoteles, dem „Giganten“ der klassischen Philosophie, erklärt dann wieder wortgewandt Begriffe wie „Eumorphia“ (altgriechisch: Wohlgestalt, Schönheit). Ein einziges Mal nur stört ein Handy den Vortrag.

Ohne Günther Böhme gäbe es die U3L nicht. Er hat sie seit 1982 mit aufgebaut, ist heute ihr Ehrenvorsitzender, hält zwei Vorlesungen pro Semester. „Die Gründung damals war mir ein persönliches Bedürfnis“, erinnert er sich im Zwiegespräch. „Ich hatte die Erkenntnis gewonnen, dass die älteren Generationen ein erweitertes Bildungsangebot benötigen.“ Früher blieb Älteren, die nicht voll studieren wollten, an der Uni nur der Gasthörerstatus. Eine große Bürokratie steckte dahinter. Außerdem brauchte man – und das bis heute – die Unterschrift des Dozenten, um an einer Vorlesung teilnehmen zu können. Fächerübergreifendes Studieren war noch schwieriger. „Die Gründung der U3L damals ergab sich aus dem humanistischen Anspruch einer Bildung für alle“, erzählt Böhme und übt Kritik: „Heute kann man nicht mehr sagen, dass dieser Anspruch an deutschen Universitäten wahrgemacht wird.“

Frankfurt als Vorreiter

Frankfurt war mit der Gründung der U3L damals gemeinsam mit Oldenburg und Dortmund Vorreiter. Andere zogen erst später nach. Dass er mit dem Aufbau eines eigenen Apparates für die Älteren die spätere Trennung begünstigte, sei nie die Absicht gewesen, sagt Böhme heute. 2005 entschied die Universität aber mit Verweis auf die Zwänge der Bologna-Reform, dass U3L-Studenten keinen Zugang mehr zu regulären Uni-Veranstaltungen bekommen sollten. Übrig blieben vom Anspruch der allumfassenden Bildungsgemeinde nur die Veranstaltungen der Bürgeruniversität – andernorts Studium Generale –, die Gerontologie, die Wissenschaft des Alterns, wo Jüngere und Ältere sich noch Vorlesungen teilen, sowie vereinzelt Kooperationen mit Fachbereichen.

Was Böhme stört, macht vielen Senioren allerdings nichts aus. Im Gegenteil. Marita Schickling glaubt, dass das unterschiedliche Tempo beim Studieren nicht zusammenpasst. Auch will sie niemandem in der Ausbildung den Sitzplatz wegnehmen. Auch die beiden Freundinnen, die sich nach der Vorlesung Schokolade trinkend über das Gehörte austauschen, sind voll zufrieden. Sie berichten von Sportkursen und Besuchen im Fitnessstudio, die sie sich über den Hochschulsport organisiert haben. „Sehen Sie mich an! Ich bin 80 und sehe viel jünger aus. Die Jüngeren können uns wirklich beneiden.“

Auch interessant

Kommentare