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Friedrich Merz vor wenigen Monaten beim Wirtschaftsrat der CDU.

CDU-Vorsitz

Die späte Revanche von Friedrich Merz

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Da waren es schon sieben: Auch Friedrich Merz bewirbt sich um den CDU-Vorsitz – nach neun Jahren im politischen Exil.

Es gab eine Zeit, da war Friedrich Merz so etwas wie der Jürgen Möllemann der CDU. Sehr begabt, sehr erfolgreich – und sehr geschickt und sehr vorneweg mit dem Mund. Manchmal auch zu sehr. Dann wandelte Eloquenz sich in Narretei.

Das ist lange her. So lang, dass Menschen unter 40 sich nur vage an Friedrich Merz erinnern und die unter 30 gar nicht mehr. Schadet aber nichts. Es gibt ja die „Bild“-Zeitung. Wem die eine Online-Schlagzeile ganz oben gönnt, eine zudem, die Jubel intoniert, der ist, klickerdiklick, zurück. Oder da. Auf jeden Fall groß. Für den Moment.

Kaum sickert am Montag aus der CDU-Zentrale die Nachricht, Angela Merkel ziehe sich vom Parteivorsitz zurück – bringt „Bild“, Friedrich Merz als ihren Nachfolger ins Spiel. Und beruft sich auf sein „Umfeld“. Selbstverständlich ist das ein Test. Und selbstverständlich ist das mit dem „Umfeld“ so wahr wie Angela Merkels Erzählung von ihrem Rückzugsbeschluss „vor der Sommerpause“.

Es dauert dann noch gut einen Tag, ehe aus der Spekulation eine Tatsache wird. „Ich bin bereit“ schlagzeilt „Bild“. Das ist, einerseits, eine grobe Verkürzung. Merzens kompletter Satz hat nicht drei, sondern 24 Wörter. Andererseits sagt die Presseerklärung, die er gegen Mittag verbreitet, genau das: Merz will CDU-Vorsitzender werden. Endlich. Wahrscheinlich hält niemand in der Republik Angela Merkel so stur für eine Fehlbesetzung von Anfang an wie Merz. Definitiv ist er der Einzige, dem sie wirklich ein Amt entrissen hat. Kohl und Schäuble und Oettinger haben Fehler gemacht, Koch und Wulff irgendwann entnervt aufgegeben.

Aber Merz war Fraktionschef der Union – und ahnte nichts vom Frühstücksdeal von Wolfratshausen: die Kanzlerkandidatur für Edmund Stoiber gegen den Fraktionsvorsitz für Merkel – nach der Wahl.

Im Nachhinein wirkt sein politischer Ausstieg sanfter als Merz ihn damals empfunden hat. Erst zürnte er drei Jahre, dann wurde er neben dem Mandat Sozius einer Chigacoer Anwaltskanzlei. 2009 verließ er den Bundestag. Inzwischen ist er Aufsichtsratschef der deutschen Tochter des Billionen-Verwalters Blackrock. Ein Job mit wirtschaftlicher Macht. Und mit Einfluss darüber hinaus. Und definitiv besser dotiert als alles, was man in der Politik werden kann.

Warum also will er zurück?

Der Test hat funktioniert. Das Ergebnis ist brillant. Dass Jens Spahn kandidiert, auch Annegret Kramp-Karrenbauer – ohnehin klar. Vielleicht auch Armin Laschet – nun gut. Aber Merz?! Nichts wird im Adenauer-Haus während des Wartens auf Merkel mehr diskutiert; keine Zeitung, kein Radio-, kein Fernsehsender verzichtet auf die Nachricht – die ja am Montag, genau genommen, noch überhaupt keine ist.

Weit weg von Berlin und vom Sauerland, Merzens Heimat, schreibt nachmittags ein gutes Dutzend Baden-Württemberger Parteitagsdelegierte in einem offenen Brief, nur mit Merz könne die CDU „wieder aus dem Umfragekeller herauskommen“.

Man muss sich vorstellen, was das bedeutet – ganz konkret. Im Koalitionsausschuss, beispielsweise, sitzt – so wie Andrea Nahles neben Olaf Scholz – neben Merkel dann Merz. Und ganz sicher nicht als Dekoration. Er war immer konservativer als sie, er hat die Leitkultur gewollt und die Steuerklärung auf dem Bierdeckel. Er konnte sie, rein rhetorisch, erledigen.

Und sie ihn strategisch.

„Aufbruch und Erneuerung“ schreibt Merz in seiner Kandidaturerklärung, brauche die CDU nach 18 Jahren Merkel, „mit erfahrenen und mit jüngeren Führungspersönlichkeiten“. Und dass er bereit sei, „alles zu tun“ für „den inneren Zusammenhalt“ der Partei. Alles in allem ist seine Bewerbung dürftiger und vager als das meiste, was er im zurückliegenden Jahr über Politik gesagt hat, da und dort, wo man ihn haben wollte.

Vieles war ohne Übersetzungshilfe als Kritik an Merkel zu verstehen. Beispielsweise, dass die Strategie sich erledigt habe, möglichst alle Wähler auf der anderen Straßenseite ins Koma zu versetzen.

Neun Jahre hat Merz Politik von außen betrachtet, „als Zeitungsleser“ behauptete er im Juni. Jetzt will er wieder mitten hinein und zugleich ganz nach oben.

Denn bei der CDU ist das so: Der oder die Vorsitzende kandidiert fürs Kanzleramt. Wann auch immer.

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