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Am Mittag besucht die Kanzlerin mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (links) ein Jugend-Basketballteam in Chemnitz.

Stadt bangt um ihren Ruf

Später Besuch: Angela Merkel in Chemnitz

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„Mein Gesicht ist polarisierend, das weiß ich. Ich wollte nicht in der aufgeheizten Stimmung kommen“, sagt Angela Merkel den Chemnitzern, die denken, sie habe sich mit ihrem Besuch zu viel Zeit gelassen. Andere finden, sie solle gleich ganz verschwinden. Das ist ein – kleiner – Teil des Chemnitzer Problems.

„Wie schaffen wir das, wieder stolz zu sein auf Deutschland?“, fragt Dirk Richter die Kanzlerin. Ganz leicht ist ihm die Frage nicht über die Lippen gekommen, er hat sich ein wenig winden müssen dabei. Nicht, weil ihm die Frage unangenehm ist. Sondern weil man, sagt Richter, „wenn man bestimmte Worte sagt, gleich in eine bestimmte Ecke gestellt wird“.

In Chemnitz, der Stadt, in der Richter lebt und in die nun Angela Merkel gekommen ist, für einen Nachmittag, ist die Sache mit dem Stolz eine heikle. Nicht erst seit den Ereignissen von Ende August – aber seitdem besonders.

An Fakten gesichert ist: Am Stadtfestwochenende gerieten zwei Menschengruppen in Streit. Es wurde ein Messer gezogen, am Ende war ein Mensch tot, zwei waren schwer verletzt. Der Tote war Deutsch-Kubaner, die der Tat Verdächtigen sind Asylbewerber. In den folgenden Tagen wurde Chemnitz Schauplatz von Protesten, Demonstrationen, Ausschreitungen. Auf den Straßen waren Rechtspopulisten, Rechtsradikale, Rechtsextreme, Neonazis. Und bald auch der Protest gegen den Protest, unter dem Motto „Wir sind mehr“.

Hetzjagd oder nicht?

Die Republik traf sich in Chemnitz. Das tut sie sonst nicht. Im Internet kursierte ein Video von deutschen Männern, die brüllend anderen hinterherrannten, die nicht deutsch aussahen. Es begann, bis ins Berliner Regierungsviertel hinein, der Streit, ob man das „Hetzjagd“ nennen dürfe. Die Zeitungen berichteten, Radio und Fernsehen auch. Chemnitz war für ein, zwei Wochen im Blick der Welt.

Die Chemnitzer Seele hat das nicht ausgehalten. Sie schmerzt. Und es ist sind Schmerzen, die längst chronisch gewordene verstärken. Deren Diagnose lautet schlicht: Wende-Folgen. Chemnitz leidet nicht alleine daran. Aber es leidet besonders stark.

Brüche in der Stadt

Man kann der Stadt ihre Brüche ansehen, wenn man sie durchstreift. Die vielen einstigen Fabrikgebäude, die entweder schicke Büros und Wohnungen geworden sind – oder Ruinen. Die Häuserzeilen aus der Blütezeit der Industrie und die Plattenbau-Blocks vis à vis. Das Landesamt für Steuern und Finanzen, das in das Haus gezogen ist, vor dem der riesige Karl-Marx-Kopf steht, der „Nischel“, wie die Chemnitzer sagen. Wo der kapitalistische Staat sein Geld verwalten lässt, steht auf der Fassade der letzte Satz des Kommunistischen Manifests: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Zu den sichtbaren Widersprüchen kommen die verborgenen. Die unerklärten und unerklärlichen. Warum fühlt sich Chemnitz seit je zurückgesetzt hinter Leipzig und Dresden? Warum laufen jetzt Bürger neben Nazis durch die Stadt? Immer noch, jeden Freitag, Treffpunkt am Nischel.

Antworten zu finden, dauert länger als Chemnitz im medialen Fokus stand. Erst jetzt, zum Besuch der Kanzlerin, kommen die Journalisten zurück. Viele finden, Merkel sei zu spät. Der Vorsitzende des Migrationsbeirats, Pedro Montero, fürchtet, nun entstehe „der Eindruck, dass hier Bürgerkrieg herrscht. Das ist nicht so.“

Aber im September haben Rechtsextreme auf der Schlossinsel junge Männer angegriffen. Und im Oktober ist der Kern der Gruppe „Revolution Chemnitz“ festgenommen worden, gegen die die Bundesanwaltschaft wegen Rechtsterrorismus und Planen von Mordanschlägen ermittelt. Und pünktlich zu Merkels Besuch ziehen die Rechtsextremen wieder los.

Die „Zerfetzung“ seiner Stadt nennt Klaus-Peter Olivo aufgebracht, was jenseits von Chemnitz zu lesen und zu hören und zu sehen war. Er ist einer von vier Lesern der „Freien Presse“, der örtlichen Tageszeitung, die nun eine Stunde lang mit Merkel diskutieren können. Weitere 116 haben die zweite Stunde für sich. Es gibt Fans und Kritiker der Kanzlerin. Und solche, bei denen sich beides mischt. Wie Olivo glauben viele in Chemnitz, die Berichterstattung habe den Ruf der Stadt ruiniert. Und irgendwie die Politik. Nicht aber die Ereignisse.

„Alleine gelassen“

„Die Bilder waren zum Teil natürlich schrecklich“, sagt Merkel – und meint nicht die Fernsehbeiträge, sondern das Geschehen, „aber: Sie müssen sich doch diesen Schuh nicht anziehen! Sie sind andere Chemnitzer. Punkt. Ende.“ Und dann mahnt sie: „Sie dürfen doch am Ende nicht sagen; der Journalist ist das.“

Aber es sind eben auch nicht alle Chemnitzer, die seit Ende August vier Anschläge auf arabische und jüdische Restaurants verübten. Und es sind nicht alle Chemnitzer, die nun hadern. „Die Freiburger“, mahnt Merkel, „lassen sich doch ihren Stolz auch nicht so schnell nehmen.“ „Aber haben wir da alle überreagiert?“, fragt Dirk Richter zurück.

Nur gibt es „alle“ in Chemnitz eben so wenig wie überall sonst. Erst recht nicht, wenn es um Flüchtlinge geht. Viel wird an diesem Abend über Merkels „Wir schaffen das“ geredet. „Wir schaffen das nicht“, sagt sehr bestimmt einer aus einem Stadtteil, der viele Fremde aufgenommen hat. „Es sind zu viele Probleme, mit denen Bürger, Kommunen und Behörden alleine gelassen werden.“ Als Merkel das vom Schaffen gesagt habe, erzählt ein anderer, habe er zum ersten Mal gedacht: „Ja, das ist meine Kanzlerin. Aber was danach kam – das war halt zu wenig.“

Dirk Richter vermisst vor allem Erklärungen der Kanzlerin. So im Alltag. Jetzt ist sie ja da zum Gespräch. Und sagt den Chemnitzern: „Ich finde, Sie haben allen Grund, stolz zu sein.“ „Wo kommt denn da die Unzufriedenheit her, die man so viel spürt?“, fragt Richter zurück. Aber darauf weiß Angela Merkel keine Antwort.

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