Spektakel in Oggersheim

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So also soll die Republik – noch besser natürlich: die Welt – sich einen Privatbesuch im Hause Kohl vorstellen.

So also soll die Republik – noch besser natürlich: die Welt – sich einen Privatbesuch im Hause Kohl vorstellen. Wochen zuvor wird der Tag des intimen Treffens in der „Bild“-Zeitung kundgetan, spätestens seit Kai Diekmann Trauzeuge des Paares Kohl-Richter war, eine Art Zentralorgan des Altkanzlers. Dann erscheint zwei Tage vorab unter dem Namen des Hausherrn ein Text in einer seriösen Berliner Zeitung, der von Europa handelt und in dem steht, der Gastgeber wisse sich bei diesbezüglichen Themen einig mit seinem Gast, „meinem Freund Viktor Orban“. Und dann ist es, unter Polizeischutz und Medienbeobachtung, endlich so weit in Oggersheim.

Nichts ist bei diesem angeblich vertraulichen Beisammensein ohne auf ein möglichst üppiges Publikum zielende Berechnung. Und so gut wie nichts von dem, was davor und danach und darüber von den Beteiligten gesagt und lanciert wird, ist mehr als allenfalls halbwahr.

Wozu also das Spektakel von Oggersheim?

Es sitzen da drei beieinander, die sich von der Welt und von der Geschichte unterschätzt fühlen – und unverstanden. Helmut Kohl, dem das Schicksal die späte Karriere als politisches Gewissen der Nation verwehrt, die es seinem Vorgänger Helmut Schmidt so lange – und so von den Deutschen verehrt – gönnte. Maike Kohl-Richter, der von einer interessierten Öffentlichkeit längst der Part der intriganten Nachfolgerin einer unglücklichen Kanzlergattin zugeschrieben wird. Und Viktor Orban, der im größeren Teil der EU inzwischen einsortiert wird in die Liga der Erdogans und Putins. Und mindestens die Herren pflegen ein schwer gestörtes Verhältnis zu Angela Merkel, der trotz aller aktuellen Malheure, Malaisen und Misserfolge weiter maßgebenden Politikerin Europas.

Was aber ist nun wirklich gewesen in Oggersheim? Ein einst mächtiger, nun gebrechlicher und verbitterter Mann und einer, der vor dem Protest daheim in Ungarn gerne mal ins Ausland flüchtet, haben sich ein paar Schlagzeilen und Bilder verschafft, die ihre Kümmernisse und Lasten für einen Tag übertünchen. Aber Helmut Kohl spielt keine Rolle mehr, nicht in Europa, nicht in Deutschland, nicht einmal in der CDU. Und der blasse Ruhm des Kanzlers der Einheit wird die ramponierte Reputation seines Freundes Orban weder in Budapest noch in Brüssel aufpolieren.

Und nein, ein Privatbesuch endet auch nicht mit einer vom Altkanzlerbüro in Umlauf gebrachten Presseerklärung. Aber geschenkt. Schon morgen weiß niemand mehr, was Orban und Kohl – oder wer auch immer – aufgeschrieben haben. Wenn sie das Inoffizielle nicht nur – oder noch besser gar nicht erst – behauptet hätten: Sie wären noch immer keine Philosophen. Aber die Welt dürfte sie wenigstens für ein bisschen gescheit halten.

politik@fnp.de  

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